Zu Beginn des neuen Jahres übertrumpfen sich Zeitschriftencover und Influencer*innen wieder mit Aufmachern zum Thema „Runter mit den Kilos!“ Die Erfolgsquote dieses Vorhabens wird wie jedes Jahr voraussehbar niedrig sein, das zeigen (leider) alle Studien. Das Ideal vom schönen, gesunden und dafür „normal“gewichtigen Körper drängt Menschen mit sehr hohem Gewicht trotzdem immer wieder zu allen Arten von Abnehmversuchen, seien sie noch so verzweifelt. Wer es sich leisten kann, versucht sich die neuen Abnehmmedikamente verschreiben zu lassen ( Nachschlag, S. M64).

Der Druck, schlank(er) zu werden, ist immens. Daran haben auch die Gesundheitsexpert* innen ihren Anteil. Auch sie lenken die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten zu negativen Bewertungen von „Über“gewicht und „adipös sein“ (die hohen Kosten! die schlechte Gesundheit!) – einem Übel, dem endlich beigekommen werden muss. Die Gegenbewegung „body positivity“ wird mit großer Skepsis wahrgenommen.

Ja, Übergewicht ist schädlich für die Gesundheit. Diskriminierung, persönliche (oder wissenschaftlich hergeleitete) Abwertung und die psychischen Folgen sind es andererseits auch. Trotzdem werden sie von Expert*innen weniger wichtig genommen. Ersteres zu adressieren ohne letzteres auszulösen scheint eine schwierige Aufgabe. Daran hat auch die wissenschaftliche Anerkennung der Adipositas als Krankheit bisher nichts geändert. Ein aktueller Trend bietet einen anderen Denkansatz. Seine Erfolge sind abzuwarten, aber die Erprobung ist interessant (z. B. im Beitrag ab S. M54 in diesem Heft sowie im Interview mit Psychologin Cornelia Fiechtl im Sonderheft Ernährungspsychologie der ERNÄHRUNGS UMSCHAU1):

Die „gewichtsneutrale Beratung“ setzt als primäres Ziel der Beratung bei Menschen mit hohem Gewicht nicht die Gewichtsabnahme per se, stattdessen eine Ernährungsweise, die dem Körper „gut“tut, indem sie ausgewogen, vielfältig, wohlschmeckend, frisch und dabei im besten Fall automatisch nicht so energiedicht ist. Die Gewichtsabnahme tritt einen Schritt in den Hintergrund gegenüber dem Menschen und seiner Ernährung, ganz im Sinne des Konzepts der Gesundheitsförderung von Antonovski.

Durch diesen Perspektivwechsel sollen der Druck verringert und ein positives Selbstwertund Körpergefühl Betroffener aufgebaut werden. Von Psycholog*innen wird Druck auf die Patient*innen als grundsätzlich kontraproduktiv für eine dauerhafte, intrinsische Verhaltensänderung gesehen, das bestätigte auch Psychologin Julia Kugler beim Webinar der ERNÄHRUNGS UMSCHAU am 28.11.2024 mit Nachdruck. Ein positives Körper- und Selbstwertgefühl hingegen erleichtert es Menschen, in eine verbesserte Selbstfürsorge und damit ins aktive Handeln zu kommen. Die gewichtsneutrale Beratung folgt dieser Einsicht mit dem Ansatz, den Abnehm-Druck zu verringern, ohne dass die Ernährung an sich egal wird.

Wie viele hochgewichtige Menschen, die oft selbst stark auf die Gewichtsabnahme fokussieren, hierfür gewonnen werden können, wird auch davon abhängig sein, inwieweit die Gesellschaft den Druck auf die Verhaltensebene der Betroffenen zurücknimmt (und endlich die Verhältnisebene aufwertet) und ob Ernährungsfachkräfte sich darauf einlassen, diesen veränderten Blickwinkel zu erproben.

Ihre Sabine Schmidt

______________________________

1 Körperwahrnehmung und gewichtsneutrale Gesundheitsförderung. In: Ernährungs Umschau Sonderheft 10: Ernährungspsychologie. Wiesbaden, Umschau Zeitschriften Verlag 2024, S. 90–3.




Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 1/2025 auf Seite M1.




Zu Beginn des neuen Jahres übertrumpfen sich Zeitschriftencover und Influencer*innen wieder mit Aufmachern zum Thema „Runter mit den Kilos!“ Die Erfolgsquote dieses Vorhabens wird wie jedes Jahr voraussehbar niedrig sein, das zeigen (leider) alle Studien. Das Ideal vom schönen, gesunden und dafür „normal“gewichtigen Körper drängt Menschen mit sehr hohem Gewicht trotzdem immer wieder zu allen Arten von Abnehmversuchen, seien sie noch so verzweifelt. Wer es sich leisten kann, versucht sich die neuen Abnehmmedikamente verschreiben zu lassen ( Nachschlag, S. M64).

Der Druck, schlank(er) zu werden, ist immens. Daran haben auch die Gesundheitsexpert* innen ihren Anteil. Auch sie lenken die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten zu negativen Bewertungen von „Über“gewicht und „adipös sein“ (die hohen Kosten! die schlechte Gesundheit!) – einem Übel, dem endlich beigekommen werden muss. Die Gegenbewegung „body positivity“ wird mit großer Skepsis wahrgenommen.

Ja, Übergewicht ist schädlich für die Gesundheit. Diskriminierung, persönliche (oder wissenschaftlich hergeleitete) Abwertung und die psychischen Folgen sind es andererseits auch. Trotzdem werden sie von Expert*innen weniger wichtig genommen. Ersteres zu adressieren ohne letzteres auszulösen scheint eine schwierige Aufgabe. Daran hat auch die wissenschaftliche Anerkennung der Adipositas als Krankheit bisher nichts geändert. Ein aktueller Trend bietet einen anderen Denkansatz. Seine Erfolge sind abzuwarten, aber die Erprobung ist interessant (z. B. im Beitrag ab S. M54 in diesem Heft sowie im Interview mit Psychologin Cornelia Fiechtl im Sonderheft Ernährungspsychologie der ERNÄHRUNGS UMSCHAU1):

Die „gewichtsneutrale Beratung“ setzt als primäres Ziel der Beratung bei Menschen mit hohem Gewicht nicht die Gewichtsabnahme per se, stattdessen eine Ernährungsweise, die dem Körper „gut“tut, indem sie ausgewogen, vielfältig, wohlschmeckend, frisch und dabei im besten Fall automatisch nicht so energiedicht ist. Die Gewichtsabnahme tritt einen Schritt in den Hintergrund gegenüber dem Menschen und seiner Ernährung, ganz im Sinne des Konzepts der Gesundheitsförderung von Antonovski.

Durch diesen Perspektivwechsel sollen der Druck verringert und ein positives Selbstwertund Körpergefühl Betroffener aufgebaut werden. Von Psycholog*innen wird Druck auf die Patient*innen als grundsätzlich kontraproduktiv für eine dauerhafte, intrinsische Verhaltensänderung gesehen, das bestätigte auch Psychologin Julia Kugler beim Webinar der ERNÄHRUNGS UMSCHAU am 28.11.2024 mit Nachdruck. Ein positives Körper- und Selbstwertgefühl hingegen erleichtert es Menschen, in eine verbesserte Selbstfürsorge und damit ins aktive Handeln zu kommen. Die gewichtsneutrale Beratung folgt dieser Einsicht mit dem Ansatz, den Abnehm-Druck zu verringern, ohne dass die Ernährung an sich egal wird.

Wie viele hochgewichtige Menschen, die oft selbst stark auf die Gewichtsabnahme fokussieren, hierfür gewonnen werden können, wird auch davon abhängig sein, inwieweit die Gesellschaft den Druck auf die Verhaltensebene der Betroffenen zurücknimmt (und endlich die Verhältnisebene aufwertet) und ob Ernährungsfachkräfte sich darauf einlassen, diesen veränderten Blickwinkel zu erproben.

Ihre Sabine Schmidt

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1 Körperwahrnehmung und gewichtsneutrale Gesundheitsförderung. In: Ernährungs Umschau Sonderheft 10: Ernährungspsychologie. Wiesbaden, Umschau Zeitschriften Verlag 2024, S. 90–3.




Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 1/2025 auf Seite M1.


Editorial 1/2025: Den Druck rausnehmen

Zu Beginn des neuen Jahres übertrumpfen sich Zeitschriftencover und Influencer*innen wieder mit Aufmachern zum Thema „Runter mit den Kilos!“ Die Erfolgsquote dieses Vorhabens wird wie jedes Jahr voraussehbar niedrig sein, das zeigen (leider) alle Studien. Das Ideal vom schönen, gesunden und dafür „normal“gewichtigen Körper drängt Menschen mit sehr hohem Gewicht trotzdem immer wieder zu allen Arten von Abnehmversuchen, seien sie noch so verzweifelt. Wer es sich leisten kann, versucht sich die neuen Abnehmmedikamente verschreiben zu lassen ( Nachschlag, S. M64).

Der Druck, schlank(er) zu werden, ist immens. Daran haben auch die Gesundheitsexpert* innen ihren Anteil. Auch sie lenken die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten zu negativen Bewertungen von „Über“gewicht und „adipös sein“ (die hohen Kosten! die schlechte Gesundheit!) – einem Übel, dem endlich beigekommen werden muss. Die Gegenbewegung „body positivity“ wird mit großer Skepsis wahrgenommen.

Ja, Übergewicht ist schädlich für die Gesundheit. Diskriminierung, persönliche (oder wissenschaftlich hergeleitete) Abwertung und die psychischen Folgen sind es andererseits auch. Trotzdem werden sie von Expert*innen weniger wichtig genommen. Ersteres zu adressieren ohne letzteres auszulösen scheint eine schwierige Aufgabe. Daran hat auch die wissenschaftliche Anerkennung der Adipositas als Krankheit bisher nichts geändert. Ein aktueller Trend bietet einen anderen Denkansatz. Seine Erfolge sind abzuwarten, aber die Erprobung ist interessant (z. B. im Beitrag ab S. M54 in diesem Heft sowie im Interview mit Psychologin Cornelia Fiechtl im Sonderheft Ernährungspsychologie der ERNÄHRUNGS UMSCHAU1):

Die „gewichtsneutrale Beratung“ setzt als primäres Ziel der Beratung bei Menschen mit hohem Gewicht nicht die Gewichtsabnahme per se, stattdessen eine Ernährungsweise, die dem Körper „gut“tut, indem sie ausgewogen, vielfältig, wohlschmeckend, frisch und dabei im besten Fall automatisch nicht so energiedicht ist. Die Gewichtsabnahme tritt einen Schritt in den Hintergrund gegenüber dem Menschen und seiner Ernährung, ganz im Sinne des Konzepts der Gesundheitsförderung von Antonovski.

Durch diesen Perspektivwechsel sollen der Druck verringert und ein positives Selbstwertund Körpergefühl Betroffener aufgebaut werden. Von Psycholog*innen wird Druck auf die Patient*innen als grundsätzlich kontraproduktiv für eine dauerhafte, intrinsische Verhaltensänderung gesehen, das bestätigte auch Psychologin Julia Kugler beim Webinar der ERNÄHRUNGS UMSCHAU am 28.11.2024 mit Nachdruck. Ein positives Körper- und Selbstwertgefühl hingegen erleichtert es Menschen, in eine verbesserte Selbstfürsorge und damit ins aktive Handeln zu kommen. Die gewichtsneutrale Beratung folgt dieser Einsicht mit dem Ansatz, den Abnehm-Druck zu verringern, ohne dass die Ernährung an sich egal wird.

Wie viele hochgewichtige Menschen, die oft selbst stark auf die Gewichtsabnahme fokussieren, hierfür gewonnen werden können, wird auch davon abhängig sein, inwieweit die Gesellschaft den Druck auf die Verhaltensebene der Betroffenen zurücknimmt (und endlich die Verhältnisebene aufwertet) und ob Ernährungsfachkräfte sich darauf einlassen, diesen veränderten Blickwinkel zu erproben.

Ihre Sabine Schmidt

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1 Körperwahrnehmung und gewichtsneutrale Gesundheitsförderung. In: Ernährungs Umschau Sonderheft 10: Ernährungspsychologie. Wiesbaden, Umschau Zeitschriften Verlag 2024, S. 90–3.


Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 1/2025 auf Seite M1.
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Artikelfakten

Rubrik: Editorial
Veröffentlicht: 14.01.2025

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