Bereits zum dritten Mal widmet die ERNÄHRUNGS UMSCHAU mit diesem Heft der Mangelernährung bei älteren und kranken Menschen einen Heftschwerpunkt. Was sich in der Praxis seit dem ersten Special zu diesem Thema im Jahr 2015 und dem zweiten 2018 getan hat, lässt sich ohne zu zögern als mangelhaft bezeichnen.


Udo Maid-Kohnert beklagte in seinem Editorial zum Thema bereits vor 5 Jahren, dass PatientInnen manchmal schneller im MRT liegen als auf einer Personenwaage zu stehen kommen. Die Waage wird inzwischen häufiger benutzt, aber ergibt sich auch eine Konsequenz daraus?

Seit diesem Jahr kann ich hierzu ein Fallbeispiel einbringen: Der andauernde Gewichtsverlust des älteren, dementen Patienten konnte im (guten!) Pflegeheim angehalten werden. Inwieweit die erheblichen Wassereinlagerungen in seinen Beinen, verursacht durch eine bekannte Herzinsuffizienz, zur „Gewichtsstabilisierung“ beitrugen, wurde jedoch mangels technischer Ausstattung nicht erhoben und praktisch nicht berücksichtigt. Ein BIA-Gerät wäre hier nützlich gewesen, um die tatsächliche Körperzellmasse – ohne Wasser – zu messen. Ein solches ist aber weder im Pflegeheim noch in den meisten Arztpraxen vorhanden (oder bekannt). In einer (psychiatrischen) Klinik wurden die Wassereinlagerungen später stark verringert. Während 5 Wochen Aufenthalt dort war jedoch keine Gewichtsmessung wichtig genug, um auf dem Entlassungsbrief notiert zu werden. Eine hochgradige Austrocknung des Patienten fiel erst anhand „schlechter Nierenwerte“ auf und führte zu einem vermeidbaren Aufenthalt in einer weiteren Klinik – bei einem dementen Patienten nicht zielführend. Mit weiterem deutlichen Gewichtsverlust wurde dieser schließlich wieder in das Pflegeheim entlassen.

Dies ist nur ein Fall-Verlauf, nicht wissenschaftlich, nicht repräsentativ und subjektiv gefärbt, man sollte das also nicht überbewerten, wenn man nicht gerade Angehörige ist.

Wissenschaftlich hingegen war die Analyse des Angebots von Ernährungstherapie auf einer onkologischen Station in einer bayrischen Klinik von Ludolph und Hauner in unserem Special ab S. M536. Das Ergebnis? Zum Haare raufen. Weder wurde mangelernährten PatientInnen automatisch Ernährungstherapie angeboten, noch wollten die meisten von diesen eine von den AutorInnen angebotene Ernährungstherapie dann wahrnehmen. Strukturelle Mängel, fehlendes Bewusstsein? Vermutlich beides.

Das Problem von vorne angehen möchten daher die WissenschaftlerInnen der Wissensplattform „Malnutrition in the Elderly“ (MaNuEl): In einem mehrstufigen Prozess entwickelten sie ein bemerkenswertes Modell der wichtigsten Determinanten von Mangelernährung im Alter. Vieles davon wäre auch auf kranke Menschen übertragbar. Das Modell finden Sie ab S. M530.

Mangelernährung ist ein schwieriges und nicht immer zu lösendes Problem, gerade bei multimorbiden Menschen oder bei Appetitmangel aufgrund von Depression oder schwerer Krankheit. Aber erst, wenn sie von den Verantwortlichen wirklich beachtet wird UND aus der Aufdeckung eines Gewichtsverlusts geeignete und regelmäßig überprüfte Konsequenzen gezogen werden, wird man PatientInnen mit behandelbarem unzureichenden Ernährungszustand in angemessener Weise therapieren können.

Ihre

Sabine Schmidt





Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 9/2020 auf Seite M505.




Bereits zum dritten Mal widmet die ERNÄHRUNGS UMSCHAU mit diesem Heft der Mangelernährung bei älteren und kranken Menschen einen Heftschwerpunkt. Was sich in der Praxis seit dem ersten Special zu diesem Thema im Jahr 2015 und dem zweiten 2018 getan hat, lässt sich ohne zu zögern als mangelhaft bezeichnen.


Udo Maid-Kohnert beklagte in seinem Editorial zum Thema bereits vor 5 Jahren, dass PatientInnen manchmal schneller im MRT liegen als auf einer Personenwaage zu stehen kommen. Die Waage wird inzwischen häufiger benutzt, aber ergibt sich auch eine Konsequenz daraus?

Seit diesem Jahr kann ich hierzu ein Fallbeispiel einbringen: Der andauernde Gewichtsverlust des älteren, dementen Patienten konnte im (guten!) Pflegeheim angehalten werden. Inwieweit die erheblichen Wassereinlagerungen in seinen Beinen, verursacht durch eine bekannte Herzinsuffizienz, zur „Gewichtsstabilisierung“ beitrugen, wurde jedoch mangels technischer Ausstattung nicht erhoben und praktisch nicht berücksichtigt. Ein BIA-Gerät wäre hier nützlich gewesen, um die tatsächliche Körperzellmasse – ohne Wasser – zu messen. Ein solches ist aber weder im Pflegeheim noch in den meisten Arztpraxen vorhanden (oder bekannt). In einer (psychiatrischen) Klinik wurden die Wassereinlagerungen später stark verringert. Während 5 Wochen Aufenthalt dort war jedoch keine Gewichtsmessung wichtig genug, um auf dem Entlassungsbrief notiert zu werden. Eine hochgradige Austrocknung des Patienten fiel erst anhand „schlechter Nierenwerte“ auf und führte zu einem vermeidbaren Aufenthalt in einer weiteren Klinik – bei einem dementen Patienten nicht zielführend. Mit weiterem deutlichen Gewichtsverlust wurde dieser schließlich wieder in das Pflegeheim entlassen.

Dies ist nur ein Fall-Verlauf, nicht wissenschaftlich, nicht repräsentativ und subjektiv gefärbt, man sollte das also nicht überbewerten, wenn man nicht gerade Angehörige ist.

Wissenschaftlich hingegen war die Analyse des Angebots von Ernährungstherapie auf einer onkologischen Station in einer bayrischen Klinik von Ludolph und Hauner in unserem Special ab S. M536. Das Ergebnis? Zum Haare raufen. Weder wurde mangelernährten PatientInnen automatisch Ernährungstherapie angeboten, noch wollten die meisten von diesen eine von den AutorInnen angebotene Ernährungstherapie dann wahrnehmen. Strukturelle Mängel, fehlendes Bewusstsein? Vermutlich beides.

Das Problem von vorne angehen möchten daher die WissenschaftlerInnen der Wissensplattform „Malnutrition in the Elderly“ (MaNuEl): In einem mehrstufigen Prozess entwickelten sie ein bemerkenswertes Modell der wichtigsten Determinanten von Mangelernährung im Alter. Vieles davon wäre auch auf kranke Menschen übertragbar. Das Modell finden Sie ab S. M530.

Mangelernährung ist ein schwieriges und nicht immer zu lösendes Problem, gerade bei multimorbiden Menschen oder bei Appetitmangel aufgrund von Depression oder schwerer Krankheit. Aber erst, wenn sie von den Verantwortlichen wirklich beachtet wird UND aus der Aufdeckung eines Gewichtsverlusts geeignete und regelmäßig überprüfte Konsequenzen gezogen werden, wird man PatientInnen mit behandelbarem unzureichenden Ernährungszustand in angemessener Weise therapieren können.

Ihre

Sabine Schmidt





Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 9/2020 auf Seite M505.


Editorial 9/2020: Mangelzustand!

Bereits zum dritten Mal widmet die ERNÄHRUNGS UMSCHAU mit diesem Heft der Mangelernährung bei älteren und kranken Menschen einen Heftschwerpunkt. Was sich in der Praxis seit dem ersten Special zu diesem Thema im Jahr 2015 und dem zweiten 2018 getan hat, lässt sich ohne zu zögern als mangelhaft bezeichnen.

Udo Maid-Kohnert beklagte in seinem Editorial zum Thema bereits vor 5 Jahren, dass PatientInnen manchmal schneller im MRT liegen als auf einer Personenwaage zu stehen kommen. Die Waage wird inzwischen häufiger benutzt, aber ergibt sich auch eine Konsequenz daraus?

Seit diesem Jahr kann ich hierzu ein Fallbeispiel einbringen: Der andauernde Gewichtsverlust des älteren, dementen Patienten konnte im (guten!) Pflegeheim angehalten werden. Inwieweit die erheblichen Wassereinlagerungen in seinen Beinen, verursacht durch eine bekannte Herzinsuffizienz, zur „Gewichtsstabilisierung“ beitrugen, wurde jedoch mangels technischer Ausstattung nicht erhoben und praktisch nicht berücksichtigt. Ein BIA-Gerät wäre hier nützlich gewesen, um die tatsächliche Körperzellmasse – ohne Wasser – zu messen. Ein solches ist aber weder im Pflegeheim noch in den meisten Arztpraxen vorhanden (oder bekannt). In einer (psychiatrischen) Klinik wurden die Wassereinlagerungen später stark verringert. Während 5 Wochen Aufenthalt dort war jedoch keine Gewichtsmessung wichtig genug, um auf dem Entlassungsbrief notiert zu werden. Eine hochgradige Austrocknung des Patienten fiel erst anhand „schlechter Nierenwerte“ auf und führte zu einem vermeidbaren Aufenthalt in einer weiteren Klinik – bei einem dementen Patienten nicht zielführend. Mit weiterem deutlichen Gewichtsverlust wurde dieser schließlich wieder in das Pflegeheim entlassen.

Dies ist nur ein Fall-Verlauf, nicht wissenschaftlich, nicht repräsentativ und subjektiv gefärbt, man sollte das also nicht überbewerten, wenn man nicht gerade Angehörige ist.

Wissenschaftlich hingegen war die Analyse des Angebots von Ernährungstherapie auf einer onkologischen Station in einer bayrischen Klinik von Ludolph und Hauner in unserem Special ab S. M536. Das Ergebnis? Zum Haare raufen. Weder wurde mangelernährten PatientInnen automatisch Ernährungstherapie angeboten, noch wollten die meisten von diesen eine von den AutorInnen angebotene Ernährungstherapie dann wahrnehmen. Strukturelle Mängel, fehlendes Bewusstsein? Vermutlich beides.

Das Problem von vorne angehen möchten daher die WissenschaftlerInnen der Wissensplattform „Malnutrition in the Elderly“ (MaNuEl): In einem mehrstufigen Prozess entwickelten sie ein bemerkenswertes Modell der wichtigsten Determinanten von Mangelernährung im Alter. Vieles davon wäre auch auf kranke Menschen übertragbar. Das Modell finden Sie ab S. M530.

Mangelernährung ist ein schwieriges und nicht immer zu lösendes Problem, gerade bei multimorbiden Menschen oder bei Appetitmangel aufgrund von Depression oder schwerer Krankheit. Aber erst, wenn sie von den Verantwortlichen wirklich beachtet wird UND aus der Aufdeckung eines Gewichtsverlusts geeignete und regelmäßig überprüfte Konsequenzen gezogen werden, wird man PatientInnen mit behandelbarem unzureichenden Ernährungszustand in angemessener Weise therapieren können.

Ihre

Sabine Schmidt


Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 9/2020 auf Seite M505.

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Rubrik: Editorial
Veröffentlicht: 10.09.2020

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