Wählerisches Essverhalten – das sog. „Picky Eating“ – ist eine Herausforderung, die den meisten Eltern vertraut ist. Für Familien mit autistischen Kindern kann extremes selektives Essen den Alltag jedoch enorm belasten und bei Kindern bereits in jungen Jahren zu schweren Nährstoffmängeln führen. Eine neue Studie von Sofya Bajaa, Doktorandin an der Constructor University, einer privaten Hochschule in Bremen, zeigt nun jedoch einen neuen Ansatz zur Behandlung von schwerem selektivem Essverhalten bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS).
Die Etablierung dauerhafter und gesunder Ernährungsgewohnheiten ist für viele Familien mit autistischen Kindern eine erhebliche Hürde. Die Verweigerung von Nahrung und ein stark eingeschränkter Speiseplan führen in entscheidenden Entwicklungsphasen des Kindes oft zu Mangelerscheinungen und sorgen für einen dauerhaft hohen Stresspegel sowie Konflikte im Zuhause. Eine Studie von Bajaa bietet Eltern und Pflegekräften, die mit extrem selektivem Essverhalten kämpfen, einen vielversprechenden Hoffnungsschimmer [1]. Die Untersuchung unterstreicht die Wirksamkeit des von Bajaa entwickelten „Schmetterling Nutritional Behavior Intervention (NBI)“-Programms – einer kreativen und flexiblen Therapiemethode, die in drei Familien mit autistischen Kindern und schwerwiegenden Essstörungen getestet wurde. Die für die Studie ausgewählten Kinder im Alter von 2–6 Jahren ernährten sich zu Beginn fast ausschließlich von verarbeiteten Lebensmitteln wie Chips und Süßigkeiten, während sie Obst und Gemüse systematisch verweigerten.
Das 10-wöchige Programm umfasste 28 Sitzungen und basiert auf einem Co-Therapeuten-Modell. Durch die gezielte Schulung der Eltern parallel zu den professionellen Therapeut*innen wurde sichergestellt, dass Verhaltenstechniken wie positive Bestärkung und die schrittweise Heranführung an neue Lebensmittel nahtlos vom therapeutischen Umfeld in den Alltag zu Hause übertragen werden konnten. Zudem integrierte das Programm innovative sensorische und körperliche Strategien. Dazu gehörten Bewegungseinheiten vor den Mahlzeiten sowie Motivationsvideos mit essenden Tierbabys, um die Abneigung der Kinder gegen neue Texturen und Geschmacksrichtungen zu senken.
Die Studie dokumentierte trotz der kleinen Teilnehmer*innenzahl signifikante (p < 0,001) quantitative Verbesserungen des Essverhaltens:
- Signifikanter Anstieg der Lebensmittelakzeptanz: Die Bereitschaft der Kinder, neue Lebensmittel zu probieren stieg von anfangs 8–15 % auf 76–91 %.
- Weniger Konflikte bei den Mahlzeiten: Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit dem Essen verringerten sich um 41–67 %.
- Nachhaltige Entwicklung: Alle drei Teilnehmenden zeigten eine gesunde Gewichtszunahme und hielten ihre Fortschritte auch nach Abschluss des Programms.
- Geringere Symptomintensität: Im Laufe der Intervention verbesserten sich auch die Gesamtwerte für die Schwere der Autismussymptome.
Ein weiterer zentraler Bestandteil der Forschung umfasste neurophysiologische Untersuchungen. Durch die Analyse hirngesteuerter Reaktionen während der Beschäftigung mit Lebensmitteln erlangte das Team ein tieferes Verständnis für die Mechanismen, die das selektive Essverhalten bei Kindern mit ASS antreiben. Diese Erkenntnisse bildeten das Fundament für das umfassendere „Schmetterling-Programm“. Das integrative Modell umfasst neun therapeutische Dimensionen – darunter Hydrotherapie, Reittherapie und Psychodrama –, die als sequenzielles System aufgebaut sind. Jede Phase des Programms baut auf der vorherigen auf, um die Entwicklung des Kindes in einem ganzheitlichen, strukturierten Umfeld zu fördern.
Das Programm bietet damit einen vielversprechenden neuen Standard für die pädiatrische Intervention bei ASS.
Literatur
1. Bajaa SAH, Allozy B, Hautzinger M, et al.: The impact of the Schmetterling NBI Program on selective eating behavior: Evaluation of creative therapeutic interventions
across three families of children with autism spectrum disorder. J Eat Disord 2026; 14: 110.
Quelle: Constructor University, Pressemeldung vom 10.06.2026
Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 7/2026 auf Seite M384.