Neben der Freude ging mir auf dem Heimweg aber durch den Kopf: Die Feigen sind nicht aus der Region, der Stand war kein (ökologischer) Erzeuger-Stand und die Schale in meiner Hand? Plastik. Andererseits dachte ich mir: Es ist unverarbeitetes Obst, das gerade in südlicheren Teilen Europas Saison hat. Es kommt vom Wochenmarkt, ich war zu Fuß und habe mir keine Tüte geben lassen.

Kennen Sie solche Gedanken beim Einkaufen? Oder bei Ihrer Arbeit als Ernährungsfachkraft? Fragen KlientInnen, KollegInnen, Verwandte und FreundInnen Sie: Was kann man denn in Punkto Nachhaltigkeit (noch) essen? Besser Avocado oder Frischkäse aufs Brot? Regionale oder Bio-Karotten? Hülsenfrüchte (unverarbeitet, aber von weit her?), konventionelles Fleisch direkt vom Hof, Bio-Fleisch vom Discounter – oder vegan? Oder ist das auch nicht nachhaltig, wenn zu viel Açai und Chia dabei sind? Gesund und erschwinglich soll es ja auch sein… Und schmecken!

Bevor sich auf diese Fragen Reaktanz breit macht à la „Da kann man gar nichts richtig machen, dann ist es auch egal“, entgegne ich darauf (auch in meinem Kopf): Diese Fragen sind berechtigt, sogar wichtig, denn Nachhaltigkeit ist nicht ganz oder gar nicht, sondern graduell. Statt „Ist das nachhaltig?“ können wir fragen: „Ist das nachhaltiger, oder das?“ Der Weg ist das Ziel: also nicht am Ideal „nachhaltig“ abarbeiten oder ganz davon abwenden, sondern denken und handeln Richtung nachhaltigER.

So formuliert es auch die DGE in ihrem „Positionspapier zur nachhaltigeren Ernährung“ (ab S. M406). Entsprechend dem WBAE1-Gutachten geht es um den Weg hin zu einer nachhaltigeren Ernährung, nicht um eine absolute Zielerreichung. In Punkto Nachhaltigkeit gib es also eigentlich immer Verbesserungspotenzial; ein Schlusspunkt ist quasi nicht zu definieren. Die vier Zieldimensionen Umwelt, Gesundheit, Soziales, Tierwohl betreffen viele Einzelaspekte, von der Erzeugung über die Verarbeitung, den Handel bis zu Konsum und Entsorgung.

Daher ist es legitim und sogar förderlich, zu fragen, zu diskutieren, was nachhaltiger ist. Die eine nachhaltige Ernährung – passend für jede Kultur, Region, jeden Geschmack und jede Person –, das eine nachhaltige Lebensmittel gibt es nicht. Meiner Meinung nach zählt die Frage, genauer: das Fragezeichen. Denn die aktive Auseinandersetzung schafft Bewusstsein und kann in überlegteres, nachhaltigeres Handeln, Essen und Genießen münden, statt in Resignation oder gar Reaktanz.

Und nochmal zu den 2 kg Feigen: Der Lebensmittelverschwendung sind sie schon mal nicht zum Opfer gefallen 🙂

Herzlichst Ihre

Stella Glogowski


___________________________________

1 Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE)






Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 7/2021 auf Seite M369.


Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse…liebe ich. Aber Obst? Das zu essen, das muss ich mir bewusst vornehmen. Der Sommer hilft mir entscheidend, denn immerhin Beeren, Pfirsiche und Feigen esse ich gerne. Daher konnte ich letztens auf dem Wochenmarkt nicht widerstehen: eine 2-kg-Schale Feigen!


Neben der Freude ging mir auf dem Heimweg aber durch den Kopf: Die Feigen sind nicht aus der Region, der Stand war kein (ökologischer) Erzeuger-Stand und die Schale in meiner Hand? Plastik. Andererseits dachte ich mir: Es ist unverarbeitetes Obst, das gerade in südlicheren Teilen Europas Saison hat. Es kommt vom Wochenmarkt, ich war zu Fuß und habe mir keine Tüte geben lassen.

Kennen Sie solche Gedanken beim Einkaufen? Oder bei Ihrer Arbeit als Ernährungsfachkraft? Fragen KlientInnen, KollegInnen, Verwandte und FreundInnen Sie: Was kann man denn in Punkto Nachhaltigkeit (noch) essen? Besser Avocado oder Frischkäse aufs Brot? Regionale oder Bio-Karotten? Hülsenfrüchte (unverarbeitet, aber von weit her?), konventionelles Fleisch direkt vom Hof, Bio-Fleisch vom Discounter – oder vegan? Oder ist das auch nicht nachhaltig, wenn zu viel Açai und Chia dabei sind? Gesund und erschwinglich soll es ja auch sein… Und schmecken!

Bevor sich auf diese Fragen Reaktanz breit macht à la „Da kann man gar nichts richtig machen, dann ist es auch egal“, entgegne ich darauf (auch in meinem Kopf): Diese Fragen sind berechtigt, sogar wichtig, denn Nachhaltigkeit ist nicht ganz oder gar nicht, sondern graduell. Statt „Ist das nachhaltig?“ können wir fragen: „Ist das nachhaltiger, oder das?“ Der Weg ist das Ziel: also nicht am Ideal „nachhaltig“ abarbeiten oder ganz davon abwenden, sondern denken und handeln Richtung nachhaltigER.

So formuliert es auch die DGE in ihrem „Positionspapier zur nachhaltigeren Ernährung“ (ab S. M406). Entsprechend dem WBAE1-Gutachten geht es um den Weg hin zu einer nachhaltigeren Ernährung, nicht um eine absolute Zielerreichung. In Punkto Nachhaltigkeit gib es also eigentlich immer Verbesserungspotenzial; ein Schlusspunkt ist quasi nicht zu definieren. Die vier Zieldimensionen Umwelt, Gesundheit, Soziales, Tierwohl betreffen viele Einzelaspekte, von der Erzeugung über die Verarbeitung, den Handel bis zu Konsum und Entsorgung.

Daher ist es legitim und sogar förderlich, zu fragen, zu diskutieren, was nachhaltiger ist. Die eine nachhaltige Ernährung – passend für jede Kultur, Region, jeden Geschmack und jede Person –, das eine nachhaltige Lebensmittel gibt es nicht. Meiner Meinung nach zählt die Frage, genauer: das Fragezeichen. Denn die aktive Auseinandersetzung schafft Bewusstsein und kann in überlegteres, nachhaltigeres Handeln, Essen und Genießen münden, statt in Resignation oder gar Reaktanz.

Und nochmal zu den 2 kg Feigen: Der Lebensmittelverschwendung sind sie schon mal nicht zum Opfer gefallen 🙂

Herzlichst Ihre

Stella Glogowski


___________________________________

1 Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE)






Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 7/2021 auf Seite M369.


Editorial 7/2021: Feige oder nachhaltig?

Neben der Freude ging mir auf dem Heimweg aber durch den Kopf: Die Feigen sind nicht aus der Region, der Stand war kein (ökologischer) Erzeuger-Stand und die Schale in meiner Hand? Plastik. Andererseits dachte ich mir: Es ist unverarbeitetes Obst, das gerade in südlicheren Teilen Europas Saison hat. Es kommt vom Wochenmarkt, ich war zu Fuß und habe mir keine Tüte geben lassen.

Kennen Sie solche Gedanken beim Einkaufen? Oder bei Ihrer Arbeit als Ernährungsfachkraft? Fragen KlientInnen, KollegInnen, Verwandte und FreundInnen Sie: Was kann man denn in Punkto Nachhaltigkeit (noch) essen? Besser Avocado oder Frischkäse aufs Brot? Regionale oder Bio-Karotten? Hülsenfrüchte (unverarbeitet, aber von weit her?), konventionelles Fleisch direkt vom Hof, Bio-Fleisch vom Discounter – oder vegan? Oder ist das auch nicht nachhaltig, wenn zu viel Açai und Chia dabei sind? Gesund und erschwinglich soll es ja auch sein… Und schmecken!

Bevor sich auf diese Fragen Reaktanz breit macht à la „Da kann man gar nichts richtig machen, dann ist es auch egal“, entgegne ich darauf (auch in meinem Kopf): Diese Fragen sind berechtigt, sogar wichtig, denn Nachhaltigkeit ist nicht ganz oder gar nicht, sondern graduell. Statt „Ist das nachhaltig?“ können wir fragen: „Ist das nachhaltiger, oder das?“ Der Weg ist das Ziel: also nicht am Ideal „nachhaltig“ abarbeiten oder ganz davon abwenden, sondern denken und handeln Richtung nachhaltigER.

So formuliert es auch die DGE in ihrem „Positionspapier zur nachhaltigeren Ernährung“ (ab S. M406). Entsprechend dem WBAE1-Gutachten geht es um den Weg hin zu einer nachhaltigeren Ernährung, nicht um eine absolute Zielerreichung. In Punkto Nachhaltigkeit gib es also eigentlich immer Verbesserungspotenzial; ein Schlusspunkt ist quasi nicht zu definieren. Die vier Zieldimensionen Umwelt, Gesundheit, Soziales, Tierwohl betreffen viele Einzelaspekte, von der Erzeugung über die Verarbeitung, den Handel bis zu Konsum und Entsorgung.

Daher ist es legitim und sogar förderlich, zu fragen, zu diskutieren, was nachhaltiger ist. Die eine nachhaltige Ernährung – passend für jede Kultur, Region, jeden Geschmack und jede Person –, das eine nachhaltige Lebensmittel gibt es nicht. Meiner Meinung nach zählt die Frage, genauer: das Fragezeichen. Denn die aktive Auseinandersetzung schafft Bewusstsein und kann in überlegteres, nachhaltigeres Handeln, Essen und Genießen münden, statt in Resignation oder gar Reaktanz.

Und nochmal zu den 2 kg Feigen: Der Lebensmittelverschwendung sind sie schon mal nicht zum Opfer gefallen 🙂

Herzlichst Ihre

Stella Glogowski

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1 Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE)


Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 7/2021 auf Seite M369.

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Artikelfakten

Rubrik: Editorial
Veröffentlicht: 14.07.2021

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