Es wird zunehmend schwerer, ein Editorial mit Bezug zu (gesundheits)politischen Debatten zu schreiben, das bei Erscheinen noch aktuell ist. Der für unsere Fachzeitschrift technisch notwendige Vorlauf von im Minimum 12 Tagen kann den Text schnell altern lassen, und andere Themen wie gestrandete Meeressäuger, erhöhte bzw. nicht erhöhte Abgeordneten-Diäten oder gar deutsche Astronauten auf dem Mond (!) drängen sich bis zum Erscheinen des Hefts in den Vordergrund.
Wie dem auch sei, bleiben wir bei Ernährungsthemen: Sie soll nun endlich auch in Deutschland kommen, eine Abgabe auf zuckergesüßte Erfrischungsgetränke. Geplant ist die Abgabe allerdings erst ab 2028 – das neue Deutschlandtempo1. Viel Zeit also, in der die unterschiedlichen Interessenvertreter*innen ihren Einfluss und ihre Pro- bzw. Kontraeinschätzungen zu dieser Maßnahme in Stellung bringen werden: In Talkshows, Social Media und anderweitig werden wir alle völlig überrascht erfahren, dass diese Maßnahme zu kurz greift, wie wichtig Bewegung ist, dass Bürger*innen doch mündig und Verbote und Steuern uncool sind und an der süßen Limo doch auch viele Arbeitsplätze für Werbung, Herstellung, Transport und Handel hängen (die ersten TV-Spots zur limonadebespaßten Fußball-WM laufen bereits). Wir kennen das Spiel aus der Debatte um Werbeverbote für „Kinderlebensmittel“. Auf Seite M348 finden Sie daher als kleine Argumentationshilfe und Gedächtnisstütze eine komprimierte Zusammenstellung der wissenschaftlichen Evidenz zur Wirksamkeit von Süßgetränkesteuern.
Es ist bezeichnend für den derzeitigen Politikstil, dass gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen wie der Zunahme nichtübertragbarer Erkrankungen, Arm-Reich-Schere, Bildungsmisere oder Klimawandel häufig nur mit kurzlebigen Testballon-Statements in Talkshows und stereotypen Sprechzettel-Phrasen bei Pressekonferenzen oder munter gezogenen und ebenso übertretenen roten Linien (keine Steuererhöhungen, keine Verbote) begegnet wird. Zu evidenzbasierten, langfristigen Strategien fehlen Bereitschaft, Gestaltungswille – und Weitsicht? Zu allen hier genannten Themen gibt es Gutachten von – oft von der Politik selbst beauftragten – Fachgesellschaften und Berater*innengremien. Viel Arbeit, viel Papier, wenig Umsetzung. Auch jetzt kommt es zur geplanten „Zuckersteuer“ ja weniger aus Einsicht in gesundheitspolitische Zusammenhänge als aus harter finanzieller Notwendigkeit2. Damit bietet diese Entscheidung viel Angriffsfläche für Populisten.
Ernährungsfachkräfte im Bereich Public Health brauchen da viel Beharrlichkeit. Halten Sie Kurs und setzen Sie auf Einsicht!
Ihr Udo Maid-Kohnert
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1 Im Gegensatz zur bereits für 2027 vorgeschlagenen Erhöhung der Steuer auf alkoholische Getränke empfiehlt die FinanzKommission Gesundheit (FKG) diesen Zeitraum „um eine Anpassung von Produktrezepturen zu ermöglichen“.
2 Die FKG bewertet allerdings das bisherige gesundheitspolitische Handeln in Deutschland in Bezug auf Alkohol und zuckergesüßte Getränke wie folgt: „Deutschland zählt bei der Alkoholkontrollpolitik zu den Schlusslichtern in Europa, und ein breiterer Maßnahmenmix der anderen Bereiche der Alkoholkontrolle adressiert, könnte zweifelsfrei eine noch größere Wirkung entfalten. […] Derzeit werden die externen Kosten des Konsums zuckergesüßter Getränke kollektiv über das Solidarsystem der GKV getragen, während die preisliche Steuerung des Konsumverhaltens in Deutschland faktisch kaum erfolgt.“ www.bundesgesundheitsministerium.de/finanzkommission-gesundheit (last accessed on 11 May 2026).
⇒ Lesetipps zur Vertiefung: Instrumente der Ernährungspolitik Teil 1 + 2
→ https://ernaehrungs-umschau.de/download/instrumente-der-ernaehrungspolitik-teil-1/
→ https://ernaehrungs-umschau.de/download/instrumente-der-ernaehrungspolitik-teil-2/
Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 6/2026 auf Seite M321.