© Nortonrsx/iStock/Getty Images Plus
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Gewichtsstigmatisierung

Gewichtsstigmatisierung ist ein bedeutendes Problem im Gesundheitswesen und beeinträchtigt die Lebensqualität vieler Menschen mit höherem Gewicht. In der Ernährungsberatung wird die Bedeutung neuer gewichtsinklusiver Ansätze, die Stigmatisierung reduzieren und den Fokus auf ganzheitliche Gesundheit legen, zunehmend erkannt. Dieser Artikel beschreibt praktische Strategien für eine klient*innenzentrierte Beratung, die eine wertschätzende Kommunikation gegenüber Menschen mit unterschiedlichen Körperformen unterstützt.

Einführung und Ziele

Das traditionelle Gesundheitsparadigma der klinischen Medizin und öffentlichen Gesundheit basiert auf der Überzeugung, dass Gewicht direkt mit Gesundheit verbunden ist [1]. Diese verbreitete Sichtweise bezüglich des Zusammenhangs zwischen Gewicht und Gesundheit prägt die Ernährungsberatung und hebt die Gewichtskontrolle bzw. den Gewichtsverlust als eines der primären Ziele der Prävention von Krankheiten und der Verbesserung von Gesundheit hervor [2]. Jedoch lassen sich die Annahmen des gewichtszentrierten Ansatzes nicht mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen vereinen. So weisen neuere Forschungsergebnisse darauf hin, dass der Einfluss des Gewichts auf die Gesundheit weitaus komplexer und vielschichtiger ist, als allgemein angenommen wird [3]. Lebensstilinterventionen, die auf Energieeinschränkung und eine Steigerung der körperlichen Aktivität abzielen, zeigen häufig nur geringe oder keine nachhaltigen Effekte auf den Gewichtsverlust und führen langfristig nicht zu einer Verbesserung zentraler klinischer Endpunkte wie kardiovaskuläre Erkrankungen oder Mortalität [4]. Zudem stellt das Gewicht bzw. der Body-Mass-Index (BMI) keinen hinreichenden Indikator für den Gesundheitszustand dar. Zahlreiche Befunde deuten darauf hin, dass auch Personen mit einem hohen BMI bei günstigen verhaltensbezogenen und sozialen Rahmenbedingungen eine gute Gesundheit aufrechterhalten können [5].
Aktuelle Befunde zeigen, dass gewichtszentrierte Gesundheitsparadigmen unbeabsichtigt zur Gewichtsstigmatisierung in verschiedenen Lebensbereichen, einschließlich des Gesundheitswesens, beitragen können [6, 7]. Auch in der Ernährungsberatung spielt das Thema der Gewichtsstigmatisierung eine wichtige Rolle. Da das Verhalten der Ernährungsfachkräfte (EFK) (z. B. Sprache und Beratungspraktiken) zur Gewichtsstigmatisierung in der Ernährungsberatung beitragen kann [6], ist es wichtig, dass EFK einen patient*innenzentrierten, nicht gewichtsbezogenen Ansatz verfolgen. Gewichtsinklusive Ansätze priorisieren allgemeine Gesundheitsverhaltensweisen und verfolgen das Ziel, Gesundheit und Wohlbefinden unabhängig vom Körpergewicht zu fördern [2]. In diesem Zusammenhang wird die Integration gewichtsinklusiver Ansätze in die Ernährungsberatung zunehmend als ein zentraler Bestandteil einer stigmatisierungsfreien und patient*innenzentrierten Versorgung betrachtet [9].
Ziel dieses Artikels ist es, EFK durch die Vermittlung gewichtsinklusiver Strategien und die Förderung einer wertschätzenden, stigmabewussten Haltung zu unterstützen, um Gewichtsstigmatisierung zu erkennen, zu reduzieren und eine individualisierte, stigmatisierungsfreie Ernährungsberatung zu fördern.

Gewichtsstigmatisierung

Definition Stigmatisierung

Der Begriff „Stigma” stammt aus dem antiken Griechenland. Er bezieht sich auf körperliche Zeichen, mit denen Personen durch u. a. Brandmale verletzt wurden, um sie als versklavte, kriminelle oder moralisch „befleckte” Menschen zu kennzeichnen. In der heutigen Verwendung bezeichnet der Begriff kein physisches Merkmal mehr, sondern ein sozial konstruiertes Attribut, das Individuen gesellschaftlich ausgrenzt. In diesem Zusammenhang bezeichnet Stigmatisierung den Vorgang negativer Zuschreibung, durch den bestimmten Personen oder Gruppen Merkmale zugeschrieben werden, die gesellschaftlich abgewertet sind, wodurch sie als abweichend, auffällig oder minderwertig wahrgenommen werden. Dieser Prozess entsteht häufig innerhalb sozialer Gruppen und trägt dazu bei, bestehende soziale Ungleichheiten und Ausschlussmechanismen zu verstärken [10]. Ein besonders verbreitetes Beispiel dieses Phänomens ist die gewichtsbezogene Stigmatisierung, die Menschen mit höherem Gewicht in zahlreichen Lebensbereichen betrifft [11].
Gewichtsbezogene Stigmatisierung lässt sich auf drei miteinander verknüpften Ebenen konzeptualisieren, die ein Kontinuum von kognitiven Überzeugungen bis hin zu Verhaltensfolgen bilden [12, 13]. Im Folgenden werden die drei wichtigsten Begriffe definiert und eingeordnet.
Stereotype (kognitive Ebene):
Dies sind verallgemeinernde, oft negative Überzeugungen über eine Gruppe. Häufige Stereotype über Menschen mit höherem Gewicht beinhalten Annahmen, dass sie unattraktiv, faul, ungesund, willensschwach oder weniger intelligent sind [11, 14].
Vorurteile (emotionale Ebene):
Vorurteile entstehen, wenn Individuen diese Stereotype übernehmen und negative emotionale Reaktionen – wie Ekel, Wut oder Angst – gegenüber bzw. vor der stigmatisierten Gruppe entwickeln [11, 15].
Diskriminierung (verhaltensbezogene Ebene):
Hierbei werden negative Einstellungen in konkretes Verhalten umgesetzt, was sich im Kontext der gewichtsbezogenen Stigmatisierung als Sizeismus, eine Form der diskriminierenden Behandlung basierend auf Gewicht, äußert [9]. Beispiele hierfür sind unzureichend ausgestattete medizinische Geräte (z. B. zu kleine Blutdruckmanschetten oder Waagen), weniger gründliche medizinische Versorgungsangebote, geringere Gehaltsangebote, Hindernisse bei der Arbeitsplatzsuche und eingeschränkter Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen [16, 17]. Selbst öffentliche Infrastrukturen wie enge Sitzplätze in Verkehrsmitteln können zu routinemäßiger, systemischer Diskriminierung beitragen [18].

Definition Selbststigmatisierung

Selbststigmatisierung, auch als internalisierte Stigmatisierung bezeichnet, ist der Prozess, bei dem stigmatisierende Einstellungen, Emotionen und Verhaltensweisen von der betroffenen Person übernommen und gegen sich selbst gerichtet werden [11]. Dieser Prozess verläuft in drei Stufen: Die betroffene Person nimmt die negativen Eigenschaften, die ihrer Gruppe zugeschrieben werden, wahr (Bewusstsein), stimmt ihnen zu (Zustimmung) und überträgt sie auf sich selbst (Anwendung). Ein Beispiel: Eine Person erkennt die Überzeugung, dass „Menschen mit höherem Gewicht faul sind”, stimmt dem zu und bezieht es auf sich selbst. Dies kann bspw. das Selbstwirksamkeitsempfinden schwächen und das Selbstbild negativ beeinflussen [19].

Prävalenz der Gewichtsstigmatisierung

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) beginnt Gewichtsstigmatisierung früh. In europäischen Ländern werden Kinder mit höherem Gewicht zu 63 % häufiger gemobbt. Bei Erwachsenen tritt Diskriminierung besonders häufig am Arbeitsplatz (54 %) und im Gesundheitswesen (69 %) auf [20]. In einer repräsentativen Studie in Deutschland wurden mithilfe der Fat Phobia Scale Stereotype gegenüber Menschen mit höherem Gewicht untersucht. Dabei zeigte sich, dass 99 % der Befragten diesen Personen negative Eigenschaften zuschrieben [21]. Eine weitere Studie zeigte, dass 7 % der Befragten angaben, im Laufe ihres Lebens gewichtsbezogene Diskriminierung erlebt zu haben. Der Anteil der Befragten, der gewichtsbezogene Diskriminierung erlebt hat, stieg mit dem BMI: 6 % bei Personen mit Normalgewicht und Übergewicht, 10 % bei Personen mit Adipositas Grad I, 19 % bei Personen mit Adipositas Grad II und 38 % bei Personen mit Adipositas Grad III. Frauen berichteten 2,6-mal häufiger von diskriminierenden Erfahrungen als Männer [22]. Ebenso fanden Luck-Sikorski und Bernard (2021) in einer bevölkerungsrepräsentativen Studie mit 500 Frauen mit höherem Gewicht (BMI ≥ 30 kg/m²), dass 37 % von ihnen Diskriminierung im Alltag und 28 % im Gesundheitswesen erlebt hatten. Auch in dieser Erhebung stiegen die Diskriminierungsraten mit dem BMI an: von 30 % bei Adipositas Grad I über 43 % bei Adipositas Grad II bis hin zu 60 % bei Adipositas Grad III [23].
Das Geschlecht spielt wie oben bereits dargestellt eine bedeutende Rolle bei der Erfahrung gewichtsbezogener Stigmatisierung [24]. Gesellschaftliche Normen und mediale Darstellungen idealisieren häufig Schlankheit, insbesondere bei Frauen, was zu größerem Druck und erhöhter Diskriminierung von Frauen führt [25]. Die ständige Konfrontation mit schlanken und ästhetisch idealisierten Körpern in den sozialen Medien verstärkt unrealistische Schönheitsideale, fördert soziale Vergleichsprozesse und macht die Körpervielfalt unsichtbar. Dieses Phänomen kann insbesondere bei jungen Menschen das Risiko für Körperunzufriedenheit und die Entwicklung von gestörtem Essverhalten erhöhen [26].

Gewichtsstigmatisierung im Gesundheitswesen

Die Evidenz aus einem systematischen Review und einer Metaanalyse von Lawrence et al. (2021) zeigt, dass Gesundheitsfachkräfte, darunter Ärzt*innen, Pflegekräfte, EFK, Psycholog*innen sowie Physiotherapeut*innen, eine Tendenz zur Gewichtsstigmatisierung gegenüber Personen mit Übergewicht und Adipositas aufweisen. In dieser Metaanalyse zeigten Ärzt*innen und EFK ein moderates Ausmaß an Gewichtsvorurteilen; Ärzt*innen wiesen eine deutlichere Präferenz für Personen mit niedrigerem Gewicht auf, während EFK eine moderate „Fat Phobia” zeigten [27]. In einem weiteren systematischen Review von Jung et al. (2015) wurde gezeigt, dass EFK negative Einstellungen gegenüber Personen mit höherem Gewicht aufweisen. Dabei wurde berichtet, dass 76 % der EFK implizit Personen mit niedrigerem Gewicht bevorzugten [8]. Panza et al. (2018) berichteten von ähnlichen Ergebnissen, und zwar, dass 73 % der eingeschlossenen Studien implizite oder explizite Gewichtsvorurteile bei EFK und Studierenden der Ernährungswissenschaften identifizierten [28]. In einer Studie von Cori et al. (2015) beschrieben EFK Personen mit Adipositas häufig anhand negativer Merkmale wie ‚gierig‘ (67 %), ‚unattraktiv‘ (52 %), ‚ungeschickt‘ (55 %), ‚willensschwach‘ (44 %) und ‚faul‘ (42 %) [29]. Stigmatisierende Einstellungen scheinen bei EFK im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung zwar etwas weniger stark ausgeprägt zu sein [8], dennoch unterstreichen diese Ergebnisse die Notwendigkeit, diesen Themenbereich empirisch und praktisch verstärkt zu bearbeiten.

Auswirkungen von Gewichtsstigmatisierung

Die Gewichtsstigmatisierung hat zahlreiche negative Folgen für die psychische, physiologische und verhaltensbezogene Gesundheit von Betroffenen [30, 31]. Während die Effekte von Gewichtsstigmatisierung zunächst das subjektive Wohlbefinden beeinträchtigen, können sie langfristig zu ernsthaften und chronischen Gesundheitsproblemen führen [32, 33].
Psychologische Auswirkungen

Studien zeigen, dass Gewichtsstigmatisierung negative emotionale Reaktionen wie Wut, Angst, depressive Symptome und Verletzlichkeit auslöst [32, 34]. Sie führt zu einem verminderten Selbstwertgefühl, gesteigerter Erwartung von Zurückweisung und einem Mangel an Vertrauen in soziale Beziehungen. Dies kann langfristig zu sozialer Isolation führen [35, 36]. Gewichtsstigmatisierung kann außerdem das Körperbild verschlechtern und zu internalisierten Gefühlen der Unzulänglichkeit führen, wodurch der Druck steigt, das äußere Erscheinungsbild zu verändern [37]. Über die emotionalen Folgen hinaus beeinträchtigt Gewichtsstigmatisierung auch die kognitive Leistungsfähigkeit und ist mit erhöhten Stressreaktionen, einem stärkeren Bedrohungserleben, negativeren Selbstbewertungen und einer verringerten Selbstwert schätzung verbunden [35]. Gewichtsstigmatisierung in Kindheit und Jugend ist besonders prägend, da sie mit einem erhöhten Risiko für lebenslange psychische Belastungen assoziiert ist [31].

Physiologische Auswirkungen

Gewichtsstigmatisierung kann die körperliche Gesundheit über stressvermittelte biologische Mechanismen beeinflussen. Forschungsergebnisse zeigen, dass Stressreaktionssysteme aktiviert und stressbezogene Hormone wie Cortisol erhöht werden. Die Intensität dieser physiologischen Reaktion ist dabei besonders hoch, wenn die Stigmatisierung von den Betroffenen internalisiert wird [38]. Kurzfristige Konfrontation mit Gewichtsstigmatisierung kann zu erhöhter Herzfrequenz und Blutdrucksteigerung führen, was eine akute Belastung des Herz-Kreislauf-Systems darstellen kann. Bei chronischer Exposition kann langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigen [39]. Anhaltende Gewichtsstigmatisierung erhöht zudem das Risiko für Stoffwechselstörungen, Insulinresistenz und abdominale Adipositas und trägt dadurch erheblich zu gesundheitlichen Langzeitrisiken bei [32].

Verhaltensbezogene Auswirkungen

Gewichtsstigmatisierung stellt ein erhebliches Hindernis für die Aufrechterhaltung gesundheitsförderlicher Lebensgewohnheiten dar [40]. Studien zeigen, dass Menschen mit höherem Gewicht körperliche Aktivität im Fitnessstudio oder in der Öffentlichkeit meiden, aus Angst vor potenzieller Gewichtsstigmatisierung [41, 42]. Dies kann zu einem Rückgang des Aktivitätsniveaus führen und gesundheitsförderliches Verhalten negativ beeinflussen [42]. Darüber hinaus wirkt sich Gewichtsstigmatisierung auf das Essund Ernährungsverhalten aus [43]. Die Erfahrung von Gewichtsstigmatisierung ist mit einem erhöhten Konsum energiereicher Lebensmittel sowie mit einem vermehrten Auftreten von emotionalem Essen und Binge-Eating-Verhalten assoziiert [32, 44]. Diese Verhaltensweisen werden als Bewältigungsstrategie gegen stigmatisierungsinduzierten Stress entwickelt und verstärken langfristig einen gesundheitsschädlichen Teufelskreis [35]. Zudem wirkt sich Gewichtsstigmatisierung negativ auf die Inanspruchnahme medizinischer Versorgung aus. Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass sie zu verzögerter Behandlung, Vermeidung medizinischer Dienstleistungen und qualitativ schlechteren Interaktionen mit medizinischem Personal führen kann. Dies sind Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit für präventive oder wirksame Therapien deutlich reduzieren [7]. Schließlich schränkt durch Gewichtsstigmatisierung bedingte soziale Ausgrenzung die Teilhabe an Bildung, Beruf und Gesellschaft ein. Dies mindert nicht nur die Lebensqualität, sondern verstärkt auch bestehende wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten [45].

Stigmatisierungsfreie Ansätze in der Ernährungsberatung

Gewichtsstigmatisierung in der Ernährungsberatung kann die therapeutische Beziehung in der Ernährungsberatung untergraben, das Engagement der Klient*innen verringern und die Therapieadhärenz reduzieren, somit die Erfolgsaussichten der Beratung verschlechtern [46, 47]. Die Anerkennung und Bekämpfung von Gewichtsstigmatisierung ist daher entscheidend für eine inklusive, wirksame und ethisch verantwortungsvolle Praxis in der Ernährungsberatung [48]. Die folgenden Aspekte können daher als Anhaltspunkte für EFK dienen, die eigene beraterische Tätigkeit stigmatisierungsfreier zu gestalten.
Sensibilisierung für Gewichtsstigmatisierung: eine kritische Überprüfung eigener Vorurteile

Das Bewusstsein für Gewichtsstigmatisierung beginnt damit, dass EFK ihre eigenen Vorurteile erkennen [17]. Strukturierte Instrumente wie Selbsteinschätzungsinventare und Tests zu impliziten Vorurteilen (z. B. der Implicit Association Test [IAT] der Harvard University) bieten EFK die Möglichkeit, eigene unbewusste Assoziationen zu erkennen und zu hinterfragen [49]. Weiterhin kann bspw. die von Schütteler et al. (2023) vorgeschlagene Körpersilhouetten-Übung unterstützen, das eigene Körperbildbewusstsein durch einen erfahrungsbasierten Ansatz zu fördern [50]. Dabei zeichnet die teilnehmende Person mithilfe einer weiteren Person die Umrisse ihres eigenen Körpers nach. Anschließend folgt eine Reflexionsphase, in der die teilnehmende Person durch gezielte Fragen zum Nachdenken über das eigene Körperbild angeregt wird. Ziel dieser Übung ist es, internalisierte gesellschaftliche Schönheitsideale sichtbar zu machen und deren potenziellen Einfluss auf den eigenen Beratungsprozess kritisch zu reflektieren. Diese Intervention trägt insbesondere dazu bei, dass Beratende ihre eigenen impliziten Einstellungen erkennen und hinterfragen können.

Hinterfragen von gewichtszentrierter Beratung und Annäherung an gewichtsinklusive Ansätze

Gewichtsregulation ist ein multifaktorieller Prozess, der durch ein komplexes Zusammenspiel genetischer, biologischer, psychologischer, umweltbedingter und auch politischer Faktoren bestimmt wird [51, 52]. Physiologische Mechanismen, die nach einer Gewichtsabnahme einsetzen, führen häufig dazu, dass Personen wieder zu ihrem Ausgangsgewicht zurückkehren oder dieses übertreffen (Jo-Jo- Effekt), was die langfristige Wirksamkeit gewichtszentrierter Interventionen infrage stellt [53]. • Tabelle 1 fasst die Hauptmechanismen zusammen, die zum Wiederanstieg des Gewichts nach einer Diät beitragen können.


Diese Mechanismen zeigen, dass eine nachhaltige Gewichtsabnahme sehr komplex ist. Sie unterstreichen die Notwendigkeit eines breiteren Blicks, der eine nachhaltige Gewichtsabnahme nicht auf den individuellen Willen oder selbstkontrolliertes Verhalten reduziert.
Aufgrund dieser Befunde plädiert die aktuelle Fachliteratur zunehmend dafür, den Fokus weg vom Gewicht hin zu Verhaltensänderungen, Gesundheitsindikatoren und psychischem Wohlbefinden zu verlagern [56]. Unter den gewichtsinklusiven Ansätzen nimmt das Programm Health at Every Size® eine zentrale Rolle ein. Es basiert auf Prinzipien wie Gewichtsinklusivität, Gesundheitsförderung, respektvolle Betreuung, intuitives Essen zur Förderung des Wohlbefindens und freudvolle Bewegung. Das Programm akzeptiert Körperdiversität als natürlichen Zustand [57]. In einem Überblicksartikel zeigten Gisch und Bilic (2025) den Einfluss gewichtsinklusiver Interventionen auf anthropometrische Daten, körperliche Aktivität, Körperbild, psychische Gesundheit und Essverhalten [58]. Die Autorinnen kamen zu dem Schluss, dass die vorliegenden Daten zu gewichtsinklusiven Ansätzen vielversprechend sind, jedoch insbesondere in Deutschland mehr methodisch hochwertige Studien benötigt werden [58]. Zudem fanden Scagliusi et al. (2020), dass Health at Every Size®-basierte Interventionen Körperakzeptanz, psychisches Wohlbefinden und Resilienz gegenüber Gewichtsstigmatisierung verbesserten, insbesondere, wenn sie disziplinübergreifend und an individuelle Bedürfnisse angepasst umgesetzt wurden [59]. Ein nicht-stigmatisierender Beratungsansatz, der sich auf gesundheitsbezogenes Verhalten statt auf Gewicht konzentriert und physiologische, psychosoziale und Umweltfaktoren berücksichtigt, kann somit eine fundierte und wirksame Alternative darstellen. Gewichtsinklusive Programme können auch zu einem gerechteren und nachhaltigeren Gesundheitsverständnis auf systemischer Ebene beitragen [9].
Gewichtsinklusive Beratung: ethische und empathische Kommunikation sowie eine stigmatisierungsfreie Umgebung

Gewichtsinklusive Kommunikation beschränkt sich nicht nur auf die Wortwahl, sie spiegelt eine ethische Haltung gegenüber dem Körper, den Erfahrungen und Entscheidungen des*der Klient*in wider. Der gewichtsinklusive Ansatz basiert auf einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung [17]. • Tabelle 2 fasst zentrale Prinzipien körperneutraler Kommunikation, ihre ethisch-klinische Begründung und Anwendungsbeispiele zusammen. Diese Prinzipien greifen grundlegende Konzepte der Beratung auf (z. B. Personenzentrierte Psychotherapie nach Rogers oder Motivational Interviewing) und beziehen sie auf den Kontext von Körperneutralität und auf die Vermeidung von Gewichtsstigmatisierung.
Neben körperneutraler Kommunikation ist auch die Gestaltung der physischen Umwelt für eine stigmatisierungsfreie Beratung relevant. Sie trägt nicht nur zur Steigerung des Wohlbefindens von Klient*innen bei, sondern gewährleistet auch einen fairen Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen. Die im • Kasten aufgeführten Maßnahmen können insbesondere im Kontext von Körperdiversität zur Förderung eines gewichtsinklusiven Ansatzes beitragen. Die Maßnahmen sind an den Artikel von Mauldin et al. (2022) angelehnt [9].



(Fortsetzung)



Fazit

Dieser Artikel stellt die vielfältigen Auswirkungen von Gewichtsstigmatisierung dar und liefert damit eine Grundlage für die Implementation gewichtsinklusiver Beratungsansätze. Das Körpergewicht ist das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen biologischer, psychologischer, sozialer und umweltbedingter Faktoren und lässt sich daher sehr häufig nicht allein durch individuelle Verhaltensänderungen kontrollieren. Dennoch ist Gewichtsstigmatisierung im öffentlichen Leben wie im Gesundheitswesen nach wie vor weit verbreitet und beeinträchtigt die Versorgungsqualität und das Wohlbefinden von Personen mit höherem Gewicht. Eine entscheidende Rolle bei der Reduzierung von Gewichtsstigmatisierung können EFK einnehmen, indem sie einen gewichtsinklusiven Beratungsansatz verfolgen. Für eine gewichtsinklusive Ernährungsberatung ist es hilfreich, eigene Vorurteile zu erkennen, inklusive Sprache und Praktiken zu nutzen, den Fokus auf Gesundheitsindikatoren statt auf das Gewicht zu legen und die physische Umgebung barrierefrei zu gestalten.


Merve Cambaz Kaya, M.Sc.1, 2
Prof. Dr. Ulrike A. Gisch 1, 3

1 Justus-Liebig-Universität
Senckenbergstr. 3, 35390 Gießen
2 merve.dzhambaz.kaya@stud.uni-giessen.de
3 ulrike.gisch@ernaehrung.uni-giessen.de



Angaben zu Interessenkonflikten und zum Einsatz von KI
Die Autorinnen erklären, dass keine Interessenkonflikte bestehen. Bei der Erstellung des Manuskripts wurde KI zur Sprachoptimierung sowie zur Erstellung/Überprüfung von Übersetzungen eingesetzt. Auch der ärztliche Leiter (Dr. med. Klaus Winckler) erklärt, dass keine Interessenkonflikte bestehen.



Fortbildung

Die Fortbildungen der Ernährungs Umschau sind grundsätzlich produkt- und dienstleistungsneutral, mögliche Interessenkonflikte von den Autor*innen sind im Fortbildungsartikel angegeben. Es besteht kein Sponsoring der Fortbildung, die Gesamtaufwendungen belaufen sich auf ca. 5000 €.



Zitierweise

Cambaz Kaya M, Gisch UA: Verständnis von Gewichtsstigmatisierung und Umsetzung gewichtsinklusiver Beratungsstrategien. Ernährungs Umschau 2025; 72(12): M742–50.e57–8.
DOI: 10.4455/eu.2025.055


 
Das Literaturverzeichnis zum Artikel finden Sie im eSupplement.


Artikelfakten

Veröffentlicht: 15.12.2025

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