Eine zentrale Herausforderung wird dabei der Klimaschutz sein – und damit müssen wir uns (mindestens) mit zwei Effekten beschäftigen:

So beschreibt der Kassandra-Effekt, dass pessimistische Prognosen Handlungen auslösen können, die (zunächst) zum Ausbleiben der vorhergesagten düsteren Zukunft führen. Schön für die Menschen und den Planeten, die dann „noch einmal davongekommen“ sind. Aber ein Fehlschluss, daraus zu folgern, dass die Prognose falsch war. Oft genannte Beispiele sind z. B. das Buch „Der stumme Frühling“ der Biologin Rachel Carson (erschienen 1962!) oder die frühen Prognosen zum Waldsterben in den 1980er Jahren.

Von Rebound-Effekt spricht man (ich vereinfache), wenn gut gemeinte Lösungsansätze für Probleme mittel- und langfristig gerade das Gegenteil bewirken, also das Problem verschärfen.1 „Ich habe jetzt überall Energiesparlampen, da kann ich das Licht brennen lassen.“ Der Volkswirt Nico Paech führt den Gedanken weiter und spricht von „psychologischen Rebound-Effekten“. Ein Beispiel wären CO2-Abgaben auf Flugreisen als Mittel gegen „Flugscham“.

Der von einigen PolitikerInnen derzeit angeführte dritte Effekt, wonach zukünftiger Erfindergeist kurzfristig alle derzeitigen Probleme lösen wird, wir außerdem reich, schön und berühmt werden und zugleich weniger Steuern zahlen, ist in den Bereich des Wunderglaubens zu verweisen und hat in einer Fachzeitschrift keinen Platz.

In den anstehenden Koalitionsverhandlungen werden wir voraussichtlich oft davon hören, wie wir das Weltklima schonen und zugleich unseren Wohlstand erhalten können. Die Fragen, welches Maß an Wohlstand klimaverträglich sein kann und wie wir diesen Wohlstand fair verteilen, wurden vor der Wahl bewusst ausgeklammert und sie werden es nach der Wahl vermutlich bleiben. Der Bericht des Weltklimarats liegt dann ja bereits wieder einige Wochen zurück und der Klimarat könnte das Schicksal der mythologischen Kassandra2 teilen. Wir sollten uns nicht einlullen lassen und zweigleisig fahren: von der Politik ehrliche und innerhalb der Legislaturperiode überprüfbare Maßnahmen fordern und zugleich unser eigenes Handeln auf Nachhaltigkeit ausrichten. Unser Konsum und unsere Ernährungsweise tragen dazu nicht unerheblich bei.

Ihr Udo Maid-Kohnert

_______________________________________

1 Detaillierte Überlegungen hierzu z. B. in: www.umweltbundesamt.de/publikationen/rebound-effekte-wie-koennen-sie-effektiv-begrenzt (last accessed on 10 August 2021)

2 Kassandra hatte die Gabe der Weissagung, war aber dazu verflucht, dass ihre Warnungen immer ungehört blieben und die Katastrophen eintraten.






Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 9/2021 auf Seite M505.


Wenn dieses Heft erscheint, haben Sie entweder bereits per Briefwahl gewählt, sich zumindest bereits entschieden oder sind noch unschlüssig, wo Sie Ihre Kreuze machen. Auf jeden Fall werden wir alle bald erleben, wer mit wem zukünftig die Politik Deutschlands bestimmt – und was von den mehr oder weniger konkreten Wahlversprechungen angepackt und umgesetzt wird.


Eine zentrale Herausforderung wird dabei der Klimaschutz sein – und damit müssen wir uns (mindestens) mit zwei Effekten beschäftigen:

So beschreibt der Kassandra-Effekt, dass pessimistische Prognosen Handlungen auslösen können, die (zunächst) zum Ausbleiben der vorhergesagten düsteren Zukunft führen. Schön für die Menschen und den Planeten, die dann „noch einmal davongekommen“ sind. Aber ein Fehlschluss, daraus zu folgern, dass die Prognose falsch war. Oft genannte Beispiele sind z. B. das Buch „Der stumme Frühling“ der Biologin Rachel Carson (erschienen 1962!) oder die frühen Prognosen zum Waldsterben in den 1980er Jahren.

Von Rebound-Effekt spricht man (ich vereinfache), wenn gut gemeinte Lösungsansätze für Probleme mittel- und langfristig gerade das Gegenteil bewirken, also das Problem verschärfen.1 „Ich habe jetzt überall Energiesparlampen, da kann ich das Licht brennen lassen.“ Der Volkswirt Nico Paech führt den Gedanken weiter und spricht von „psychologischen Rebound-Effekten“. Ein Beispiel wären CO2-Abgaben auf Flugreisen als Mittel gegen „Flugscham“.

Der von einigen PolitikerInnen derzeit angeführte dritte Effekt, wonach zukünftiger Erfindergeist kurzfristig alle derzeitigen Probleme lösen wird, wir außerdem reich, schön und berühmt werden und zugleich weniger Steuern zahlen, ist in den Bereich des Wunderglaubens zu verweisen und hat in einer Fachzeitschrift keinen Platz.

In den anstehenden Koalitionsverhandlungen werden wir voraussichtlich oft davon hören, wie wir das Weltklima schonen und zugleich unseren Wohlstand erhalten können. Die Fragen, welches Maß an Wohlstand klimaverträglich sein kann und wie wir diesen Wohlstand fair verteilen, wurden vor der Wahl bewusst ausgeklammert und sie werden es nach der Wahl vermutlich bleiben. Der Bericht des Weltklimarats liegt dann ja bereits wieder einige Wochen zurück und der Klimarat könnte das Schicksal der mythologischen Kassandra2 teilen. Wir sollten uns nicht einlullen lassen und zweigleisig fahren: von der Politik ehrliche und innerhalb der Legislaturperiode überprüfbare Maßnahmen fordern und zugleich unser eigenes Handeln auf Nachhaltigkeit ausrichten. Unser Konsum und unsere Ernährungsweise tragen dazu nicht unerheblich bei.

Ihr Udo Maid-Kohnert

_______________________________________

1 Detaillierte Überlegungen hierzu z. B. in: www.umweltbundesamt.de/publikationen/rebound-effekte-wie-koennen-sie-effektiv-begrenzt (last accessed on 10 August 2021)

2 Kassandra hatte die Gabe der Weissagung, war aber dazu verflucht, dass ihre Warnungen immer ungehört blieben und die Katastrophen eintraten.






Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 9/2021 auf Seite M505.


Editorial 9/2021: Kassandra, Rebound oder Klimawunder?

Eine zentrale Herausforderung wird dabei der Klimaschutz sein – und damit müssen wir uns (mindestens) mit zwei Effekten beschäftigen:

So beschreibt der Kassandra-Effekt, dass pessimistische Prognosen Handlungen auslösen können, die (zunächst) zum Ausbleiben der vorhergesagten düsteren Zukunft führen. Schön für die Menschen und den Planeten, die dann „noch einmal davongekommen“ sind. Aber ein Fehlschluss, daraus zu folgern, dass die Prognose falsch war. Oft genannte Beispiele sind z. B. das Buch „Der stumme Frühling“ der Biologin Rachel Carson (erschienen 1962!) oder die frühen Prognosen zum Waldsterben in den 1980er Jahren.

Von Rebound-Effekt spricht man (ich vereinfache), wenn gut gemeinte Lösungsansätze für Probleme mittel- und langfristig gerade das Gegenteil bewirken, also das Problem verschärfen.1 „Ich habe jetzt überall Energiesparlampen, da kann ich das Licht brennen lassen.“ Der Volkswirt Nico Paech führt den Gedanken weiter und spricht von „psychologischen Rebound-Effekten“. Ein Beispiel wären CO2-Abgaben auf Flugreisen als Mittel gegen „Flugscham“.

Der von einigen PolitikerInnen derzeit angeführte dritte Effekt, wonach zukünftiger Erfindergeist kurzfristig alle derzeitigen Probleme lösen wird, wir außerdem reich, schön und berühmt werden und zugleich weniger Steuern zahlen, ist in den Bereich des Wunderglaubens zu verweisen und hat in einer Fachzeitschrift keinen Platz.

In den anstehenden Koalitionsverhandlungen werden wir voraussichtlich oft davon hören, wie wir das Weltklima schonen und zugleich unseren Wohlstand erhalten können. Die Fragen, welches Maß an Wohlstand klimaverträglich sein kann und wie wir diesen Wohlstand fair verteilen, wurden vor der Wahl bewusst ausgeklammert und sie werden es nach der Wahl vermutlich bleiben. Der Bericht des Weltklimarats liegt dann ja bereits wieder einige Wochen zurück und der Klimarat könnte das Schicksal der mythologischen Kassandra2 teilen. Wir sollten uns nicht einlullen lassen und zweigleisig fahren: von der Politik ehrliche und innerhalb der Legislaturperiode überprüfbare Maßnahmen fordern und zugleich unser eigenes Handeln auf Nachhaltigkeit ausrichten. Unser Konsum und unsere Ernährungsweise tragen dazu nicht unerheblich bei.

Ihr Udo Maid-Kohnert

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1 Detaillierte Überlegungen hierzu z. B. in: www.umweltbundesamt.de/publikationen/rebound-effekte-wie-koennen-sie-effektiv-begrenzt (last accessed on 10 August 2021)

2 Kassandra hatte die Gabe der Weissagung, war aber dazu verflucht, dass ihre Warnungen immer ungehört blieben und die Katastrophen eintraten.


Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 9/2021 auf Seite M505.
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Rubrik: Editorial
Veröffentlicht: 15.09.2021

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