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„Willst du nicht mal etwas abnehmen? Mach doch einfach ein bisschen Sport. Dann werden deine Beschwerden bestimmt besser. Hast du es mal mit der XY-Methode versucht?“
Ein vielleicht gut gemeinter, aber unerträglicher Rat, dem sich Frauen mit Lipödem immer wieder ausgesetzt sehen. Die beim Lipödem entstehende Zunahme des Fettgewebes an Beinen oder Armen setzen viele Menschen aus Unkenntnis mit Adipositas gleich. Einige fühlen sich dann bemüßigt, auf den vermeintlich „einfachen“ Weg zum „Verschwinden“ aller Beschwerden aufmerksam zu machen (der schon bei Adipositas keineswegs einfach funktioniert).
Beide Krankheiten sind pathophysiologisch jedoch unterschiedlich. Das Lipödem ist eine in den Genen angelegte und häufig durch hormonelle Einflüsse mit ausgelöste Erkrankung des Fettgewebestoffwechsels. Daraus resultiert eine Fehlverteilung des Fettgewebes, die sich fast ausschließlich an den Gliedmaßen manifestiert. Abnehmen“ hilft im besten Fall, etwas Druck aus dem erkrankten Gewebe zu nehmen und die Entzündungsneigung zu reduzieren. Aber auch schlank wirkende Frauen können am Lipödem erkrankt und in ihrem Alltag dadurch stark beeinträchtigt sein. Grund dafür sind die „unsichtbaren“ Symptome, die als Leitsymptome des Lipödems definiert sind: Schmerzen und Schweregefühle in den betroffenen Extremitäten.
Einfache Alltagstätigkeiten wie Treppen steigen, Haare fönen oder langes Stehen können durch zuweilen starke Schmerzen und die Schwere der Gliedmaßen zu „Endgegnern“ werden – wie es von Betroffenen beschrieben wird. Tag für Tag sehen sich erkrankte Frauen vor diese Herausforderungen gestellt, muss der Alltag mit mehr Anstrengung bewältigt werden, als es bei Gesunden der Fall ist. Die Therapie ist komplex, die Ernährungstherapie ist nur ein Baustein von mehreren.
Eine wissensbasierte Aufklärung hilft nicht nur den Patientinnen selbst, auch die Öffentlichkeit sollte besser über dieses Krankheitsbild informiert sein. Allen voran sollten Mitarbeitende im Gesundheitswesen, darunter auch Ernährungsfachkräfte, über ausreichend Vorwissen verfügen, um die Krankheit ggf. erkennen und die Betroffenen therapeutisch unterstützen zu können. Der Artikel der u. a. auf Lipödem spezialisierten Ernährungstherapeutin Andrea Barth im Special in diesem Heft (⇒ S. M422) soll dazu beitragen, die Ernährungstherapie auf ein solides Fundament zu stellen und dabei alltagstauglich zu machen: weg von in den sozialen Medien gehypten extremen Ansätzen, hin zu gemäßigten und dadurch leichter durchzuführenden und ausgewogeneren Ernährungsregimen.
Ihre
Sabine Schmidt
Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 7/2026 auf Seite M385.