Immer mehr Menschen lassen ihr Darmmikrobiom analysieren. Anbieter versprechen individuelle Einblicke in die Darmgesundheit und geben Empfehlungen für Ernährung, Nahrungsergänzungsmittel oder Lebensstil. Doch internationale Expert*innen sehen den Nutzen solcher Selbsttests kritisch: Nach aktuellem Wissensstand lässt sich anhand der Ergebnisse meist nicht zuverlässig beurteilen, ob ein Mikrobiom „gesund“ ist. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass Darmbakterien tatsächlich erheblichen Einfluss auf die Stoffwechselprozesse, Medikamente und sogar den Erfolg moderner Krebstherapien haben können.
Viele Menschen hoffen mit einem Mikrobiomtest auf eine einfache Aussage zu ihrer Darmgesundheit. „Nach aktuellem Wissensstand lassen kommerzielle Mikrobiomtests keine zuverlässige Einschätzung darüber zu, ob das eigene Mikrobiom gesund ist“, sagt Professorin Dr. med. Birgit Terjung, Mediensprecherin der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und Chefärztin der Inneren Medizin am St. Josef Hospital der GFO Kliniken Bonn. „Das Mikrobiom ist hochindividuell und verändert sich ständig.“ Da die meisten kommerziellen Mikrobiomtests nur Familien von Bakterien und nicht einzelne Spezies untersuchen, die sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden können, seien belastbare Aussagen über Gesundheit oder Krankheit auf Basis dieser Tests nicht möglich. „Aus fachlicher Sicht raten wir daher davon ab, kommerzielle Mikrobiomtests ohne weitere ärztliche Konsultation zu verwenden“, so die Magen-Darm-Expertin.
Vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl kommerzieller Angebote hat auch ein internationales Expert*innengremium kürzlich in einem Konsensuspapier auf fehlende wissenschaftliche Standards bei Mikrobiomtests hingewiesen [1]. Die Autor*innen kritisieren, dass kommerzielle Testanbieter ihre Produkte ohne einheitliche Standards, klare Regulierung oder nachgewiesenen Nutzen für die medizinische Versorgung vermarkten. Ziel müsse es sein, ungeeignete Tests zu vermeiden und die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Mikrobiomdiagnostik zu fördern. Während viele Selbsttests v. a. die Zusammensetzung des Mikrobioms erfassen, interessiert sich die moderne Forschung zunehmend für eine andere Frage: „Entscheidend ist nicht allein, welche Mikroorganismen im Darm leben, sondern welchen Einfluss sie dort ausüben“, erklärt Terjung.
Wie groß die Auswirkungen des Mikrobioms auf Erkrankungen und Therapien sein können, zeigen aktuelle Arbeiten aus der Onkologie. So konnte eine Studie [2] nachweisen, dass bestimmte bakterielle Stoffwechselwege beeinflussen, wie der Körper Krebsmedikamente aus der Gruppe der sogenannten Fluoropyrimidine verarbeitet. „Darmbakterien können die Konzentration dieser Medikamente verändern und damit möglicherweise sowohl deren Wirksamkeit als auch das Risiko von Nebenwirkungen beeinflussen“, sagt Professor Dr. med. Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Ulm.
Besonders viel Aufmerksamkeit erhält in der Fachwelt derzeit die Rolle des Mikrobioms bei modernen Immuntherapien. Forschende konnten zeigen, dass bestimmte Darmbakterien das Ansprechen auf sogenannte Immuncheckpoint-Inhibitoren verbessern. Dabei handelt es sich um Medikamente, die das körpereigene Immunsystem gegen Krebs aktivieren. Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift Cell zeigt, dass das Darmbakterium Lactobacillus johnsonii Teil eines mikrobiellen Stoffwechselwegs ist, der die Wirksamkeit von Immuntherapien verbessern könnte [3]. Der beobachtete Effekt zeigte sich in verschiedenen Tumorarten, darunter schwarzer Hautkrebs, Brustkrebs und Darmkrebs.
„Wir sehen zunehmend, dass das Mikrobiom kein passiver Mitbewohner des Darms ist“, so Seufferlein. „Darmbakterien und vor allem ihre Metabolite können möglicherweise darüber mitentscheiden, wie gut eine Krebstherapie wirkt. Das eröffnet langfristig neue Perspektiven für personalisierte Behandlungsstrategien.“
Während die DGVS die großen Potenziale der Mikrobiom-Forschung betont, mahnt die Fachgesellschaft im Umgang mit kommerziellen Selbsttests zur Vorsicht. Zwischen Forschungsergebnissen und einer verlässlichen Anwendung im Alltag liege ein weiter Weg, so die Fachgesellschaft. Wer einen Mikrobiom-Selbsttest mache, erhalte häufig eine wissenschaftlich nicht fundierte Auflistung von Daten, die wenig direkten Nutzen nach sich ziehe, so DGVS-Expertin Terjung.
„Sinnvoller sind Ernährungsgewohnheiten, von denen wir wissen, dass sie sich positiv auf Mikrobiom und Stoffwechsel auswirken, also viele fermentierte und ballaststoffreiche Produkte“, betont Terjung. Gleichzeitig rät sie zum weitgehenden Verzicht auf rotes Fleisch, Zucker, Alkohol und hochverarbeitete Lebensmittel.
„Patientinnen und Patienten, die an Verdauungsbeschwerden leiden, sollten sich deshalb an Ärztinnen und Ärzte mit gastroenterologischer Expertise wenden. Nur im Zusammenhang mit Beschwerden, Vorerkrankungen und weiteren medizinischen Befunden lassen sich Testergebnisse sinnvoll einordnen“, sagt die DGVS-Mediensprecherin abschließend.
Literatur
- Porcari S, Mullish B, Asnicar F et al.: International consensus statement on microbiome testing in clinical practice. Lancet Gastroenterol Hepatol 2024; 10: 154–67.
- Trepka K, et al.: Expansion of a bacterial operon during cancer treatment ameliorates fluoropyrimidine toxicity. Sci Transl Med 2025; 17(794): eadq8870.
- Jia D, Wang Q, Qi Y, et al. Microbial metabolite enhances immunotherapy efficacy by modulating T cell stemness in pan-cancer. Cell 2024; 187(7): 1651–65.e21.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) e. V., Pressemeldung vom 24.06.2026
Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 8/2026 auf Seite M456.