Mit Blick auf den Themenkreis weniger Fleisch, pflanzenbasiert bzw. vegan fällt auf, dass sich Gesellschaft, Wissenschaft und Politik mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen.

Gesellschaft: Während einerseits vegetarische und vegane Fleischersatzprodukte seit Jahren starke Zuwachsraten verzeichnen1, neue Produkte kommen (und auch wieder verschwinden) – also hohe Geschwindigkeiten vorherrschen, kann sich rund die Hälfte der Bevölkerung ein Leben ohne Fleisch nicht wirklich vorstellen2. Da bewegt sich wenig, Geschwindigkeit nahe null.

Wissenschaft: Zunächst 2016, dann in 2020 und nun in 2024 justiert die DGE ihre auf Basis aktueller Daten begründete Position zur veganen Ernährung nach und berücksichtigt hierbei nun neben gesundheitlichen Aspekten auch die Dimensionen Umwelt, Soziales und Tierwohl. Für überzeugte Vegetarier*innen längst überfällig, kommt die Fachgesellschaft mittlerweile aufgrund der aktuellen Studienlage zu einer im Gesamtbild deutlich positiveren Einschätzung – bei nach wie vor bestehendem Hinweis, dass besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen neben Supplementation die bestmögliche Unterstützung bei der Umsetzung einer ausgewogenen und gut geplanten veganen Ernährung benötigen. Wissenschaft muss gründlich vorgehen sorgfältig abwägen und dies bewirkt oft moderate bis mittlere Geschwindigkeit.

Politik: Hier hängt die jeweilige Geschwindigkeit bei der Bereitschaft zur Umstellung unseres Ernährungssystems von vielen Faktoren ab: Parteizugehörigkeit, vor-oder-nach-der Wahl, Stadt- oder Landbevölkerung als Publikum, Sonntagsreden oder knallharte Klientelpolitik? Mehr als 4 Jahre sind seit dem WBAE-Gutachten „Politik für eine nachhaltigere Ernährung“ vergangen, 5 ½ Jahre seit der Erstpublikation zur Planetary Health Diet. Der erst kürzlich vorgestellten Ernährungsstrategie der Bundesregierung weht der raue Wind nicht nur der Vier-Buchstaben-Boulevard-Presse („Neue Essens-Richtlinien gefährden Millionen Deutsche“), sondern auch der kleinsten Ampel-Partei selbst entgegen3. Es fällt daher schwer, die Geschwindigkeit der Umstellung hin zu einer auch nur in Ansätzen fleischärmeren Ernährung abzuschätzen.

Mathematisch gesehen ist die Geschwindigkeit ein Vektor, der sowohl angibt, wohin sich etwas bewegt (Richtung), als auch wie schnell (Wert). Und mit ernüchtertem Blick auf die Europawahl ist zu befürchten, dass sich die Richtung vieler politischer Entscheidungen derzeit umkehrt. Das hätte fatale Folgen: Denn die Geschwindigkeit der durch den Klimawandel getriebenen Veränderungen – Wetterextreme, Missernten und nicht zuletzt auch hierdurch angetriebene Migration – wird nicht durch Talkshows oder Hinterzimmer-Deals beeinflusst.

Ihr Udo Maid-Kohnert

_______________________________

1 www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/05/PD22_N025_42.html 

2 https://yougov.de/society/articles/47420-fleischlust-hemmt-nachhaltige-ernahrungsumstellung

3 www.euractiv.de/section/gap-reform/news/fdp-kritisiert-neue-deutsche-ernaehrungsstrategie/



alle Quellen: last accessed on 17 June 2024






Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 7/2024 auf Seite M369.


Auf dem aktuellen Kongress Ernährung 2024 in Leipzig hat die DGE ihre Neubewertung der Position zur veganen Ernährung vorgestellt. Das Positionspapier finden Sie in Auszügen in diesem Heft ab Seite M382 und als Langversion in der Online-Ausgabe der ERNÄHRUNGS UMSCHAU.


Mit Blick auf den Themenkreis weniger Fleisch, pflanzenbasiert bzw. vegan fällt auf, dass sich Gesellschaft, Wissenschaft und Politik mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen.

Gesellschaft: Während einerseits vegetarische und vegane Fleischersatzprodukte seit Jahren starke Zuwachsraten verzeichnen1, neue Produkte kommen (und auch wieder verschwinden) – also hohe Geschwindigkeiten vorherrschen, kann sich rund die Hälfte der Bevölkerung ein Leben ohne Fleisch nicht wirklich vorstellen2. Da bewegt sich wenig, Geschwindigkeit nahe null.

Wissenschaft: Zunächst 2016, dann in 2020 und nun in 2024 justiert die DGE ihre auf Basis aktueller Daten begründete Position zur veganen Ernährung nach und berücksichtigt hierbei nun neben gesundheitlichen Aspekten auch die Dimensionen Umwelt, Soziales und Tierwohl. Für überzeugte Vegetarier*innen längst überfällig, kommt die Fachgesellschaft mittlerweile aufgrund der aktuellen Studienlage zu einer im Gesamtbild deutlich positiveren Einschätzung – bei nach wie vor bestehendem Hinweis, dass besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen neben Supplementation die bestmögliche Unterstützung bei der Umsetzung einer ausgewogenen und gut geplanten veganen Ernährung benötigen. Wissenschaft muss gründlich vorgehen sorgfältig abwägen und dies bewirkt oft moderate bis mittlere Geschwindigkeit.

Politik: Hier hängt die jeweilige Geschwindigkeit bei der Bereitschaft zur Umstellung unseres Ernährungssystems von vielen Faktoren ab: Parteizugehörigkeit, vor-oder-nach-der Wahl, Stadt- oder Landbevölkerung als Publikum, Sonntagsreden oder knallharte Klientelpolitik? Mehr als 4 Jahre sind seit dem WBAE-Gutachten „Politik für eine nachhaltigere Ernährung“ vergangen, 5 ½ Jahre seit der Erstpublikation zur Planetary Health Diet. Der erst kürzlich vorgestellten Ernährungsstrategie der Bundesregierung weht der raue Wind nicht nur der Vier-Buchstaben-Boulevard-Presse („Neue Essens-Richtlinien gefährden Millionen Deutsche“), sondern auch der kleinsten Ampel-Partei selbst entgegen3. Es fällt daher schwer, die Geschwindigkeit der Umstellung hin zu einer auch nur in Ansätzen fleischärmeren Ernährung abzuschätzen.

Mathematisch gesehen ist die Geschwindigkeit ein Vektor, der sowohl angibt, wohin sich etwas bewegt (Richtung), als auch wie schnell (Wert). Und mit ernüchtertem Blick auf die Europawahl ist zu befürchten, dass sich die Richtung vieler politischer Entscheidungen derzeit umkehrt. Das hätte fatale Folgen: Denn die Geschwindigkeit der durch den Klimawandel getriebenen Veränderungen – Wetterextreme, Missernten und nicht zuletzt auch hierdurch angetriebene Migration – wird nicht durch Talkshows oder Hinterzimmer-Deals beeinflusst.

Ihr Udo Maid-Kohnert

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1 www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/05/PD22_N025_42.html 

2 https://yougov.de/society/articles/47420-fleischlust-hemmt-nachhaltige-ernahrungsumstellung

3 www.euractiv.de/section/gap-reform/news/fdp-kritisiert-neue-deutsche-ernaehrungsstrategie/



alle Quellen: last accessed on 17 June 2024






Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 7/2024 auf Seite M369.


Editorial 7/2024: Verschiedene Geschwindigkeiten

Mit Blick auf den Themenkreis weniger Fleisch, pflanzenbasiert bzw. vegan fällt auf, dass sich Gesellschaft, Wissenschaft und Politik mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen.

Gesellschaft: Während einerseits vegetarische und vegane Fleischersatzprodukte seit Jahren starke Zuwachsraten verzeichnen1, neue Produkte kommen (und auch wieder verschwinden) – also hohe Geschwindigkeiten vorherrschen, kann sich rund die Hälfte der Bevölkerung ein Leben ohne Fleisch nicht wirklich vorstellen2. Da bewegt sich wenig, Geschwindigkeit nahe null.

Wissenschaft: Zunächst 2016, dann in 2020 und nun in 2024 justiert die DGE ihre auf Basis aktueller Daten begründete Position zur veganen Ernährung nach und berücksichtigt hierbei nun neben gesundheitlichen Aspekten auch die Dimensionen Umwelt, Soziales und Tierwohl. Für überzeugte Vegetarier*innen längst überfällig, kommt die Fachgesellschaft mittlerweile aufgrund der aktuellen Studienlage zu einer im Gesamtbild deutlich positiveren Einschätzung – bei nach wie vor bestehendem Hinweis, dass besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen neben Supplementation die bestmögliche Unterstützung bei der Umsetzung einer ausgewogenen und gut geplanten veganen Ernährung benötigen. Wissenschaft muss gründlich vorgehen sorgfältig abwägen und dies bewirkt oft moderate bis mittlere Geschwindigkeit.

Politik: Hier hängt die jeweilige Geschwindigkeit bei der Bereitschaft zur Umstellung unseres Ernährungssystems von vielen Faktoren ab: Parteizugehörigkeit, vor-oder-nach-der Wahl, Stadt- oder Landbevölkerung als Publikum, Sonntagsreden oder knallharte Klientelpolitik? Mehr als 4 Jahre sind seit dem WBAE-Gutachten „Politik für eine nachhaltigere Ernährung“ vergangen, 5 ½ Jahre seit der Erstpublikation zur Planetary Health Diet. Der erst kürzlich vorgestellten Ernährungsstrategie der Bundesregierung weht der raue Wind nicht nur der Vier-Buchstaben-Boulevard-Presse („Neue Essens-Richtlinien gefährden Millionen Deutsche“), sondern auch der kleinsten Ampel-Partei selbst entgegen3. Es fällt daher schwer, die Geschwindigkeit der Umstellung hin zu einer auch nur in Ansätzen fleischärmeren Ernährung abzuschätzen.

Mathematisch gesehen ist die Geschwindigkeit ein Vektor, der sowohl angibt, wohin sich etwas bewegt (Richtung), als auch wie schnell (Wert). Und mit ernüchtertem Blick auf die Europawahl ist zu befürchten, dass sich die Richtung vieler politischer Entscheidungen derzeit umkehrt. Das hätte fatale Folgen: Denn die Geschwindigkeit der durch den Klimawandel getriebenen Veränderungen – Wetterextreme, Missernten und nicht zuletzt auch hierdurch angetriebene Migration – wird nicht durch Talkshows oder Hinterzimmer-Deals beeinflusst.

Ihr Udo Maid-Kohnert

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1 www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/05/PD22_N025_42.html 

2 https://yougov.de/society/articles/47420-fleischlust-hemmt-nachhaltige-ernahrungsumstellung

3 www.euractiv.de/section/gap-reform/news/fdp-kritisiert-neue-deutsche-ernaehrungsstrategie/

alle Quellen: last accessed on 17 June 2024


Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 7/2024 auf Seite M369.
Verschlagwortet mit: vegane Ernährung, DGE-Position

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Artikelfakten

Rubrik: Editorial
Veröffentlicht: 15.07.2024

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