

WDEIA
Die weizenabhängige anstrengungsinduzierte Anaphylaxie (engl. wheat-dependent exercise-induced anaphylaxis, WDEIA) ist der am besten erforschte Symptomkomplex unter den kofaktor-abhängigen Anaphylaxien. Die klinische Diagnostik stellt eine besondere Herausforderung dar, da die IgE-vermittelten allergenen Bestandteile des Weizens ohne zeitnahe Anwesenheit eines Kofaktors (Augmentationsfaktors) häufig toleriert werden. Neben körperlicher Anstrengung können eine Vielzahl weiterer Augmentationsfaktoren einzeln oder in Kombination nach Verzehr mit dem allergenen Nahrungsmittel zur Auslösung potenziell schwerer allergischer Reaktionen führen. Die Variabilität auslösender Allergenquellen, verzehrter Allergenmengen pro Portion sowie relevanter Augmentationsfaktoren erschweren die Beratung.
Hintergrund
Der Begriff „anstrengungsinduziert” beschreibt allerdings nur einen der möglichen „Augmentationsfaktoren”, die bewirken, dass PatientInnen, die Weizen und andere glutenhaltige Getreidesorten normalerweise vertragen, in einer bestimmten Konstellation Reaktionen aufweisen. Der Begriff kofaktor-abhängige Weizenallergie wäre für dieses Krankheitsbild treffender.
Diese spezielle Form der Weizenallergie tritt bei Erwachsenen selten auf. Sie kann potenziell lebensbedrohlich verlaufen.


Zitierweise
Kugler C, Schäfer C: WDEIA: Weizenabhängige anstrengungsinduzierte Anaphylaxie. Diagnostik und Therapie. Ernährungs Umschau 2020; 67(8): M487–95.
DOI: 10.4455/eu.2020.043
Relevante Allergenstrukturen

Die für die WDEIA relevanten Allergenstrukturen konnten in der wasserunlöslichen Glutenfraktion (Gliadine und Glutenine) des Weizens identifiziert werden. Das Majorallergen (= Hauptallergen) stellt das ω-5-Gliadin dar, gegen das etwa 80 % der Betroffenen sensibilisiert sind [11, 12]. Bei etwa 20 % der PatientInnen mit WDEIA lassen sich spezifische IgE-Antikörper gegen HMW-Glutenin nachweisen [11]. Weiterhin sind die Minorallergene α-, β-, γ- und ω-1,2-Gliadin bei WDEIA relevant [12, 13].
In zwei In-vitro-Untersuchungen konnten darüber hinaus Allergenstrukturen in Roggen und Gerste identifiziert werden, die für PatientInnen mit WDEIA Relevanz besitzen können [14, 15]. Bei 23 erwachsenen PatientInnen mit WDEIA und nachgewiesenen IgE-Antikörpern gegen ω-5-Gliadin konnte eine serologische Kreuzreaktivität zwischen ω-5-Gliadin aus Weizen und γ-70- und γ-35-Secalin aus Roggen sowie γ-3-Hordein aus Gerste gezeigt werden. Keine Kreuzreaktivität zeigte sich hingegen zwischen ω-5-Gliadin und Proteinen aus Hafer [15]. Auch Snégaroff et al. konnten in vitro eine Kreuzreaktivität zwischen ω-5-Gliadin und γ-35- und γ-75-Secalin aus Roggen nachweisen. γ-3-Hordein aus Gerste zeigte eine starke Inhibition der IgE-Bindungsfähigkeit des Serums der WDEIA-PatientInnen gegenüber Prolaminen [14]. Trotz fehlender Evaluation der klinischen Relevanz dieser In-vitro-Beobachtung mittels oraler Provokationstestung deuten die Ergebnisse darauf hin, dass – bei ausgeprägter klinischer Relevanz der ω-5-Gliadin-Sensibilisierung aus Weizen – auch große Verzehrmengen an Gerste oder Roggen für PatientInnen mit WDEIA unverträglich sein können. Hier muss individuell entschieden werden, ob Roggen und/ oder Gerste in der oralen Provokationstestung mitberücksichtigt werden und ob nachfolgend eine therapeutische Karenz gegenüber den genannten glutenhaltigen Getreidesorten einzuhalten ist [16, 17].
Augmentationsfaktoren und Pathophysiologie der WDEIA
Neben körperlicher Aktivität zählen bei dem Symptomkomplex WDEIA die Einnahme von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) [19, 27, 29, 30], die gleichzeitige Aufnahme von Alkohol [20] oder hormonelle Einflüsse [25] zu den häufig beschriebenen Augmentationsfaktoren bei der Auslösung einer allergischen Reaktion nach Verzehr weizenhaltiger Produkte (• Abbildung 2). Die diagnostische und therapeutische Herausforderung besteht in der Berücksichtigung aller individuell relevanten Augmentationsfaktoren sowohl im Rahmen der oralen Provokationstestung zur Diagnosesicherung als auch im therapeutischen Beratungsprozess. Anamnese und Ausgang der Provokation führen zu einer individualisierten Wertung und müssen in Zusammenarbeit mit dem/der PatientIn als Beratungsaussage erarbeitet werden.
Die Pathomechanismen der WDEIA sind bislang nur unvollständig bekannt. Es werden verschiedene Ansätze diskutiert [32–35]. So konnte sowohl nach körperlicher Aktivität als auch nach der Aufnahme von NSAR und Alkohol eine Erhöhung der intestinalen Permeabilität demonstriert werden, woraus eine erhöhte intestinale Allergenabsorption resultiert [11, 28, 35, 36]. Zudem wird ein direkter Einfluss von Acetylsalicylsäure (ASS) auf die Aktivierung der Mastzellen angenommen. Gezeigt wurde dies durch eine Zunahme der Hautreaktivität im Skin-Prick-Test (SPT) mit kommerziellen Extrakten weizenhaltiger Lebensmittel nach Einnahme von ASS [19]. Allerdings ließen sich diese Beobachtungen durch die Ergebnisse anderer Arbeitsgruppen nicht bestätigen [37, 38].


Nahrungsspezifische Aspekte bei Verdacht auf WDEIA
Diagnostisches Vorgehen bei Verdacht auf WDEIA
Anamnese und Ernährungs-Symptom-Protokoll
Eine sorgfältige Anamnese steht am Anfang jeder allergologischen Diagnostik [40], so auch bei Verdacht auf das Vorliegen einer WDEIA (• Abbildung 3). Ein Ernährungs-Symptom-Protokoll kann wertvolle Hinweise auf den Auslöser der allergischen Reaktion geben, der insbesondere bei WDEIA durch die teils schlechte Reproduzierbarkeit der Beschwerden nicht immer direkt zu identifizieren ist [16]. Dies liegt zum einen an der Unterschiedlichkeit der verwendeten Weizenausgangsprodukte, zum anderen an den beeinflussenden Augmentationsfaktoren. Auffällig jedoch ist, dass sich bei ausführlicher Anamnese meist zunehmende Schweregrade der Reaktion erfragen lassen, die-dann den Weg in eine korrekte Diagnose bahnen können [17].

Serologische Diagnostik
Bei der serologischen Allergiediagnostik steht die Bestimmung spezifischer IgE-Antikörper gegen das Majorallergen ω-5-Gliadin im Vordergrund. Dieses Instrument weist eine gute Sensitivität sowie eine hohe negative prädiktive Wertigkeit auf [13, 37, 41]. Die Detektion von IgE-Antikörpern gegen α-, β- und γ-Gliadine könnte die Sensitivität noch verbessern [13]. Aktuelle Daten untermauern zudem, dass der Skin-Prick-Test mit nativem-Gluten, nicht aber mit nativem Weizenmehl, ein gutes Screeningtool in der Diagnostik der WDEIA darstellt [37].
Orale Provokationstestung
Ob und inwieweit das verdächtigte Allergen tatsächlich klinische Relevanz besitzt, sollte auch bei einer WDEIA idealerweise mittels des diagnostischen Goldstandards der stationär durchgeführten oralen Provokationstestung unter Berücksichtigung ausgewählter Augmentationsfaktoren evaluiert werden [9, 26, 40]. Dabei erschwert die beschriebene erhebliche inter- wie auch intraindividuelle Variabilität auslösender Lebensmittel, verzehrter Allergenmengen sowie relevanter Augmentationsfaktoren (• Abbildung 2) jedoch eine Standardisierung der oralen Provokationstestungen und begründet die vergleichsweise hohe Rate falsch negativer Ergebnisse [7, 11, 16, 23, 42].
Bisher gibt es keine standardisierte Rezeptur für eine Provokationsmahlzeit, die für die Diagnostik einer WDEIA herangezogen werden kann. Zu bedenken ist jedoch, dass das Ergebnis der oralen Provokationstestung durch eine zu geringe Menge des Nahrungsmittelallergens verfälscht werden kann [16, 39, 43]. In der Literatur finden sich zahlreiche Fallbeschreibungen, bei denen das zuvor auslösende Lebensmittel für die orale Provokationstestung herangezogen wurde [11, 18, 19, 20, 25, 30, 39, 44]. Ansatz ist hierbei eine möglichst genaue Rekonstruktion der Umstände, die vormals zur Auslösung der allergischen Reaktion geführt haben. Dies kann jedoch misslingen, und es kommt zu falsch negativen Ergebnissen durch eine nicht ausreichende Exposition mit dem betreffenden Nahrungsmittelallergen bzw. einer unzureichenden Berücksichtigung von Augmentationsfaktoren [35].
Da die für die WDEIA verantwortlichen Allergenstrukturen der Glutenfraktion des Weizenproteins entstammen und Weizenprodukte mit einem geringen Ausmahlungsgrad als Auslöser dominieren, sollten Weizenweißmehlprodukte für die Provokationstestung herangezogen werden. Geeignet sind z. B. aus Weizenmehl Type 405 hergestellte Hefebrötchen. Die Menge sollte 200 g Weizenmehl nicht unterschreiten. Um die Glutenmenge zu erhöhen bzw. die zu verzehrende Menge der Provokationsmahlzeit zu reduzieren, kann die Rezeptur entsprechend mit 10 bis 20 g Gluten angereichert werden, welches als reines Proteinpulver erhältlich ist [43]. Für die Berechnung einer Provokationsmahlzeit werden 8,6 g Gluten, enthalten in 100 g Weizenmehl des Types 405, zugrunde gelegt, bei Verwendung eines Dinkelmehls des Types 630 sind in 100 g ca. 10,3 g Gluten enthalten [44].
Eine aktuelle Untersuchung belegt, dass die Provokationstestung mit hohen Glutendosen die Sensitivität der Testung deutlich verbessert. Hier wurde das Schema einer titrierten Provokationstestung gewählt, bei der steigende Mengen eines Brotes verabreicht wurden, das 10 g bis 80 g pures Gluten enthielt. 80 g Gluten entsprechen dabei der Menge von etwa 1 kg Weizenmehl der Type 405 ohne Zusätze [37].
Bei der körperlichen Belastung im Rahmen der oralen Provokationstestung empfiehlt es sich das Maß der körperlichen Aktivität an den Trainingszustand des/der PatientIn zu adaptieren [11, 35, 37].
Auch weitere Augmentationsfaktoren, wie ASS oder Alkohol, sollten gezielt eingesetzt werden. Die Gabe von ASS und Alkohol sollte etwa 30 Minuten vor der Nahrungsmittelexposition erfolgen [20, 24, 25, 30, 37]. Hohe Glutendosen sowie die Kombination mit weiteren Augmentationsfaktoren wie ASS und Alkohol scheinen einen ausreichenden Anstieg der Serum-Gliadin-Werte zu bewirken, um eine allergische Reaktion zu induzieren. Damit könnte der Augmentationsfaktor der körperlichen Aktivität in der Provokationstestung ersetzt werden [37].
Umgang mit negativen Provokationstestungen
Bei einer negativen Provokationstestung, jedoch weiter bestehendem anamnestischen Verdacht sollte die Diagnose WDEIA keinesfalls direkt verworfen werden. Vielmehr ist eine erneute Erhebung individuell relevanter Augmentationsfaktoren und das Führen eines Verlaufsprotokolls zu empfehlen, um eventuell eine erneute Provokationstestung planen zu können [16]. Zudem kann bei negativer Provokationstestung die Gabe von ASS als zusätzlichem Augmentationsfaktor sinnvoll sein, um die Diagnose zu sichern [30, 37]. Bei ausreichendem Verdacht sollte auch bei negativer Provokationstestung aufgrund der Schwere der möglichen Reaktionen ein entsprechendes Notfallset rezeptiert werden.
Therapie
Therapiesäulen
Die Therapie von WDEIA beruht auf zwei Säulen (• Abbildung 4):
– der kurzfristigen medikamentösen, evtl. notärztlichen Behandlung bei akuten Reaktionen und
– dem Erlernen von (langfristigen) Strategien, um das Risiko weiterer Reaktionen zu vermindern [16, 17].
Die vorrangig wichtigste Maßnahme zur langfristigen Behandlung einer WDEIA besteht darin, das verantwortliche Allergen in der Kombination mit den Augmentationsfaktoren zu meiden. In Zusammenschau mit Anamnese und Ausgang der Provokation (auslösende Dosis bei Reaktion, Anzahl und Dosierungen der zugeführten Kofaktoren) wird in Zusammenarbeit mit dem/ der Betroffenen festgelegt, ob, und wenn ja, welche Mengen an weizen- oder auch roggen- bzw. gerstehaltigen Produkten in den Speiseplan integriert werden können. Ein möglicher Verzehr von Roggen und Gerste sollte im besten Fall durch Provokation geklärt werden. Bei einer isolierten WDEIA ist Hafer aufgrund des geringen Glutenanteils in der Regel verträglich (• Abbildung 3). Eine Unterversorgung an Nährstoffen durch den Verzicht auf ω-5-Gliadin-reiche Produkte ist nicht zu erwarten, da vielfältige Ersatzmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Lebensmittelkennzeichnung
Nach der europäischen Lebensmittelinformationsverordnung vom Dezember 2014 müssen 13 weit verbreitete Nahrungsmittelallergene und Schwefeldioxid bzw. Sulfit deklariert werden. Dies gilt sowohl für verpackte Ware als auch für offen angebotene Speisen sowie im Restaurant.
Zu diesen 14 deklarationspflichtigen Hauptauslösern gehört auch glutenhaltiges Getreide, das namentlich zu nennen ist. Weizen (einschließlich u. a. Dinkel und Khorasan-Weizen), Roggen, Gerste, Hafer oder deren Hybridstämme müssen in der Zutatenliste sowohl bei abgepackter als auch bei loser Ware konkret genannt werden. Für unbeabsichtigt hinterlassene Kontaminationen von Allergenen gilt die Deklarationspflicht nicht. Der Umgang mit Warnhinweisen, die auf eine unbeabsichtigte Kontamination hinweisen („kann unbeabsichtigte Kontaminationen von XY enthalten”), sollte im Rahmen der Ernährungstherapie besprochen werden, wobei er in der Regel bei WDEIA-PatientInnen zu vernachlässigen ist. PatientInnen mit dem Symptomkomplex WDEIA sollten in der Zutatenliste auf die in • Übersicht 1 genannten Begriffe achten. Insbesondere neue Produkte auf dem Markt – wie veganer Fleischersatz oder eiweißreiches Brot – können Gluten als Grundbestandteil enthalten und für die PatientInnen ein Risiko darstellen. Die Auslobung „glutenfrei” stellt KEINE Weizenfreiheit sicher, da bis zu 20 ppm weizenhaltige Glutenmengen im verzehrfertigen Endprodukt enthalten sein können.
Je nach Gefährdungsanamnese müssen die Betroffenen nicht in jedem Fall dauerhaft und generell auf Weizen verzichten. Wenn sie die Augmentationsfaktoren kennen und deren Einfluss beherrschen können, genügt es oft, diese Faktoren 4–6 Stunden vor und nach Weizenverzehr zu vermeiden.

Fazit
Aufgrund der Bedeutung des Weizens als Grundnahrungsmittel, vor allem aber aufgrund der vielfältigen lebensmitteltechnologischen Verwendung von Weizen in einer großen Zahl von Lebensmitteln, ist die richtige Auswahl von Lebensmitteln eine Herausforderung für PatientInnen mit WDEIA. Eine allergologisch qualifizierte Ernährungstherapie ist sinnvoll, denn die Einleitung und Überprüfung der therapeutischen Kost ist beratungsintensiv und muss an die Kenntnisse und Kochkompetenzen des/der KlientIn angepasst werden.
Dipl. oec. troph. & Diätassistentin Claudia Kugler1
Dipl. oec. troph. Christiane Schäfer2
1 Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein
Technische Universität München
Biedersteinerstr. 29, 80802 München
Claudia.kugler@tum.de
2 Ernährungsberaterin VDOE, Ernährungsfachkraft
Allergologie DAAB
Allergologie & Gastroenterologie
Eichenweg 14, 21493 Schwarzenbeck
info@christianeschaefer.de
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Interessenkonflikt
Die Autorinnen erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht. Die ärztliche Leitung erklärt, dass für diesen Beitrag kein Interessenkonflikt besteht.
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