Einleitung
Klimaneutral, Carbon Footprint, Eco- und Planet- Score: Nach Einführung des Nutri-Scores finden sich zunehmend weitere neue Label auf Lebensmitteln. Diese sollen die Umweltauswirkungen der Produkte kennzeichnen. Damit stellt sich z. B. für Ernährungsberater*innen die Frage, wie diese Label einzuschätzen sind. Die internationale Debatte ist dynamisch und unübersichtlich. Der folgende Übersichtsartikel fußt auf unserem von der Landesregierung Niedersachsen finanzierten Forschungsprojekt zum Klimalabelling (EEKlim) und gibt einen Überblick über zentrale Entwicklungslinien und methodische Herausforderungen dieses wichtigen Informationsinstruments auf dem Weg zu einer Planetary Health Diet.
Politischer Hintergrund der Labelling-Debatte
Es ist weitgehend anerkannt, dass Landwirtschaft und Ernährung einen erheblichen Beitrag zur Umsetzung zentraler Nachhaltigkeitsziele leisten können [1]. Die Planetary Health Diet hat wichtige Impulse in der Debatte um eine gesunde und gleichzeitig umweltschonendere Ernährungsweise gesetzt [2]. Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat umfassende Grundlagen für eine nachhaltige Ernährungsstrategie ausgearbeitet. Unter anderem empfahl er die Einführung eines Klimalabels, um in die Umweltkennzeichnung von Lebensmitteln einzusteigen [3].
Eine bessere Markttransparenz über die Klimawirkung unterschiedlicher Produkte ist für Verbraucher*innen wichtig und setzt Anreize für Unternehmen.
Auch die Europäische Union (EU) sieht in ihrer farm-to-fork (vom Acker bis zum Teller)-Strategie vor, den bisherigen Rechtsrahmen für Verbraucher*inneninformationen zu verbessern und um die Dimensionen der Nachhaltigkeit zu erweitern. Die Verantwortung liegt dabei in der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Eine nachhaltige Transformation von Ernährungsstilen kann mit verschiedenen Politikinstrumenten angereizt werden. So können Lenkungssteuern den Konsum klimaintensiver Produkte verteuern. Nudging kann klimafreundliche Angebote in der Gemeinschaftsverpflegung oder im Supermarkt in den Vordergrund rücken [4]. Reformulierungsanforderungen können Rezepturen bei verarbeiteten Lebensmitteln klimafreundlicher machen. In der wissenschaftlichen Diskussion ist zunehmend akzeptiert, dass es eines breiten Instrumenten-Mixes aus verschiedenen Politikmaßnahmen bedarf, um Konsumverhalten wirksam zu beeinflussen [1, 5, 6]. In Anlehnung an die relativ erfolgreiche Politik zur Reduktion des Tabakkonsums erscheint es sinnvoll, das Spektrum von Informations- und Bildungskampagnen über staatliches Labelling, Werbeverbote sowie freiwilliges und verpflichtendes Nudging bis zu Produktvorschriften und -verboten einzusetzen. Ernährungspolitik ist allerdings – siehe die Diskussion um kinderbezogene Werbung – stark umstritten, und größere Impulse der Politik sind derzeit eher nicht zu erwarten. Eingriffstiefere Politikinstrumente werden zwar diskutiert, erscheinen aber politisch aktuell kaum durchsetzbar [7].
Ein Klima- oder Umweltlabel ist dagegen ein Politikinstrument, das in der Gesellschaft breit akzeptiert wird [8]. So setzte der erste, vom Deutschen Bundestag eingesetzte Bürgerrat „Ernährung im Wandel” Labelling ganz oben auf seine Agenda. Auch in den Wirtschaftswissenschaften ist spätestens seit dem Wirtschafts-Nobelpreis für George A. Akerlof [9] common sense, dass bei komplexen Prozess- und Vertrauenseigenschaften, wie es Klima- und Umweltwirkungen sind, Marktversagen droht. Wenn es keine Kennzeichnung gibt, kann man die Treibhausgasemissionen nicht am Produkt erkennen. Und wenn jeder Anbieter kennzeichnet, wie er möchte, fehlt den Verbraucher*innen ein klarer Vergleichsmaßstab. Der bekannte Labeldschungel wird dann für sie noch undurchdringlicher. Aktuell sind allein im Ernährungsbereich schon ca. 225 Nachhaltigkeitslabel im Markt [3]. Hinzu kommen zahlreiche ähnlich wirkende Werbeclaims.
Marktversagen tritt also nicht nur auf, wenn es keine Informationen zu einer Produkteigenschaft gibt, sondern auch, wenn sich zu viele, darunter auch falsche oder missverständliche, Siegel und Claims auf Lebensmittelverpackungen tummeln. Das „Right to be informed” [10] geht bei Vertrauenseigenschaften unter, wenn der Staat keinen geeigneten Rahmen setzt. Dann ergänzen sich Markt- und Politikversagen in fataler Weise. Um dies zu verhindern, hat die EU im Bereich der Gesundheit mit der Health-Claims-Verordnung und der Lebensmittelinformationsverordnung Leitplanken gesetzt. Die Nährwerttabelle ist eine Pflichtangabe bei Lebensmitteln. Nährwertbezogene Aussagen sind gesetzlich definiert, gesundheitsbezogene Werbeaussagen müssen wissenschaftlich belegt und zugelassen werden; gleiches gilt für nährwertbezogene Label wie den Nutri-Score.
Ähnliches strebt die EU nun auch für sog. „Green Claims” an, die künftig nach genauen Regeln substanziiert werden sollen. Der im März 2023 veröffentlichte Entwurf einer entsprechenden Richtlinie befindet sich jedoch noch in der Abstimmung. Auch konkrete Vorschläge zur Ausgestaltung des angedachten Sustainability-Labelling-Frameworks hat die EU, entgegen der ursprünglichen Pläne, bisher noch nicht vorgelegt; es sind auch keine Hintergrundpapiere dazu bekannt. Deshalb schauen derzeit viele Marktbeobachter auf Frankreich, das sich an die Spitze der Entwicklung eines staatlichen Umweltlabels gesetzt hat. Hier soll in der ersten Jahreshälfte ein Klima- bzw. Umweltlabel gesetzlich verankert werden.
Der weitere Beitrag greift diese französischen Bestrebungen sowie Entwicklungen in weiteren Nachbarländern (z. B. NL, GB, DK) und in Deutschland auf. Die laufenden Diskussionen sowie die Erfahrungen mit dem Nutri-Score zeigen, dass Methodik und institutionelle Ausgestaltung eines staatlichen Labels nicht trivial sind. Deshalb werden im Folgenden Herausforderungen der Messmethodik vorgestellt, bevor Erkenntnisse der Verbraucher*innen- Forschung zum Labelling skizziert werden. Abschließend ordnen wir die Entwicklungen zusammenfassend ein.
Klima-, Umwelt- oder Nachhaltigkeitslabel?
Systematisierung verschiedener Labelling-Ansätze
Die Klima- bzw. Umweltwirkung, die ein Lebensmittel verursacht, bis es im Supermarktregal steht, wird durch die bereits etablierten Label bisher nicht abgebildet. Informationslücken resultieren daraus, dass meistens nur ausgewählte Wertschöpfungsstufen eines Produktes betrachtet werden oder sehr spezifische Nachhaltigkeitsaspekte im Fokus stehen. ♦ Abbildung 1 systematisiert die bisher im Markt etablierten sowie die aktuell in der Entwicklung befindlichen Label nach dem Kennzeichnungsumfang (horizontale Achse) und der Anzahl der einbezogenen Wertschöpfungsstufen (vertikale Achse). Im Hinblick auf den Kennzeichnungsgegenstand reicht die Bandbreite vom Bezug auf einzelne Nachhaltigkeitsaspekte (z. B. GVO-frei) über die Aggregation mehrerer Merkmale (z. B. beim Bio-Label) bis hin zum Versuch, Nachhaltigkeit umfassend abzudecken (z. B. Planet-Score).
Die Abbildung zeigt, dass sich viele privatwirtschaftliche bzw. firmeninitiierte Label auf Einzelmerkmale beziehen. Es ist viel kostengünstiger, z. B. einige Blühwiesen anzulegen und mit dem (ungeschützten) Claim „bienenfreundlich” zu werben statt die gesamte Produktionskette zu optimieren. Eine aktuelle Studie im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband zeigt, dass solche ungeschützten umweltbezogenen Claims von Verbraucher*innen kaum eingeschätzt werden können und vielfach eine ähnlich hohe Marketingwirkung erzielen wie das gesetzlich verankerte Bio-Label [11].
Als Informationsgrundlage für nachhaltigere Konsumentscheidungen sollte deshalb sichergestellt sein, dass nur solche Produktmerkmale ausgelobt werden, die einen relevanten und messbaren Umweltvorteil begründen.
Das zweite Unterscheidungsmerkmal der verschiedenen Label stellt die Anzahl der einbezogenen Wertschöpfungsstufen dar. Nachhaltigkeitsprobleme entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Werden einzelne Wertschöpfungsstufen isoliert in einem Label berücksichtigt, kann das den Nachhaltigkeitsbeitrag eines Labels verzerren. So ist das Bio-Label in erster Linie ein Kennzeichen für ein spezifisches Landbausystem. Der ökologische Landbau erfüllt eine Reihe wichtiger Umweltziele für die Landwirtschaft, berücksichtigt aber nicht alle Wertschöpfungsstufen systematisch. So ist in der Bio-Verordnung nicht geregelt, dass Verpackungen besonders umweltfreundlich oder Transportentfernungen besonders kurz sein müssen. Die Anforderung, ökologisch gehaltene Tiere nur in zertifizierten Schlachthöfen schlachten zu lassen, führt teils dazu, dass Bio-Tiere längere Transportstrecken zu überwinden haben als konventionell gehaltene Tiere. Auch manche Tierschutzlabel umfassen nur eine Wertschöpfungsstufe: Die bekannte vierstufige Haltungsform-Kennzeichnung des Handels und das neue fünfstufige staatliche Haltungskennzeichen berücksichtigen z. B. nur die Mastphase, nicht die Ferkelaufzucht, nicht den Transport und nicht die Schlachtung.
Für Verbraucher*innen wäre es aus den genannten Gründen wichtig, dass möglichst der gesamte Lebensweg eines Lebensmittels möglichst umfassend bewertet wird – also Label sich dem rechten oberen Quadranten in ♦ Abbildung 1 annähern.
Die neu entstehenden Umweltlabel (z. B. Eco- Score, Planet-Score, Eco-Impact, s. u.) ähneln einander im Hinblick auf die Wertschöpfungsstufen- übergreifende Betrachtung von Umweltauswirkungen. Sie beruhen im Kern auf dem sog. Life Cycle Assessment (LCA), im Deutschen auch als Produkt-Ökobilanz bezeichnet. Unterschiede bestehen aber darin, wie viele und welche Umweltwirkungen abgebildet werden. Entlang der horizontalen Achse lassen sie sich grob in drei Kategorien einteilen:
- Klimakennzeichnung (Abbildung der Treibhausgas [THG]-Emissionen eines Lebensmittels)
- Umweltkennzeichnung (Abbildung der THG-Emissionen und weiterer wichtiger Umweltwirkungen eines Lebensmittels)
- Nachhaltigkeitskennzeichnung (Abbildung von Umwelt- und Klimaschutz plus weiterer Dimensionen der Nachhaltigkeit, insbesondere Tierschutz und soziale Kriterien)
Im Folgenden werden die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen entlang dieser Systematik kurz erläutert. Methodische Grundlagen und Herausforderungen werden weiter unten skizziert.
Entwicklungen beim Klima-Labelling
Seit einigen Jahren wird die Klimawirkung von Lebensmitteln auf Produktverpackungen kommuniziert. Bisher dominieren sog. Kompensationslabel, die nicht den konkreten Klimafußabdruck eines Produktes abbilden, sondern „Klimaneutralität” kennzeichnen [12]. Gemeint ist der Ausgleich der bei der Produktion entstandenen THG-Emissionen durch die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen, i. d. R. in Ländern des Globalen Südens. Studien zeigen, dass diese Form des Labellings viele Konsument*innen verwirrt, weil der Kompensationsansatz kaum verstanden wird, selbst wenn zusätzliche Erläuterungen auf der Verpackung bereitgestellt werden [11].
Nach entsprechenden Gerichtsurteilen und Kampagnen von Verbraucher- und Umweltverbänden hat deshalb der führende Zertifizierer für Klimaneutralität, ClimatePartner, angekündigt, den missverständlichen Begriff „klimaneutral” nicht länger zu verwenden.1
Eine zunehmende Rolle spielen vor diesem Hintergrund Klimalabel, welche die tatsächlichen THG-Emissionen in kg CO2-Äquivalente je kg Produkt ausweisen (Carbon Footprint, z. B. bei Oatly). Dieser Carbon Footprint kann vorne auf der Verpackung stehen. Vorstellbar wäre auch, ihn als weitere (Pflicht-)Angabe unter die Nährwertkennzeichnung einzufügen. Die Treibhausgasbelastung kann aber auch in eine farbliche Skala ähnlich dem Nutri-Score eingeordnet werden; so voraussichtlich als staatliches Zeichen in Dänemark [13], wo ein entsprechender Vorschlag für einen farbcodierten Klima-Score vorliegt. Grundlage ist in allen Fällen eine Messung aller wesentlichen THG-Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette und ihre Zusammenfassung zu einem CO2-Äquivalent nach dem Standard des IPCC (GWP 100). In Deutschland setzt sich die „Together for Carbon Labelling (TCL)-Initiative”, getragen von größeren Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft wie Nestlé, Frosta, Hello Fresh und Oatly, für eine gesetzliche Verpflichtung der Kennzeichnung ein.
Die Fokussierung auf Klima, wie sie auch vom WBAE [3] vorgeschlagen wurde, wird mit der mangelnden Datenverfügbarkeit für weitere Wirkungskategorien begründet. So gibt es derzeit z. B. noch kein anerkanntes Messverfahren für die produktbezogene Biodiversität. Im Rahmen des Projekts EEKlim, das vom Land Niedersachsen gefördert wird, wird diskutiert, inwiefern solche methodischen Herausforderungen einer Erweiterung um weitere Umweltwirkungskategorien noch immer im Wege stehen oder ob in Deutschland bereits zeitnah ein belastbares Umweltlabel für Lebensmittel eingeführt werden könnte. Dabei spielt auch die Konsumperspektive, auf die unten intensiver eingegangen wird, eine maßgebliche Rolle.
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1 Am 17.01.24 hat das EU-Parlament der Richtlinie zur „Stärkung der Verbraucher für den Grünen Wandel” zugestimmt, nach der zukünftig Werbeaussagen wie „klimaneutral” verboten sind, wenn diese mit Kompensation außerhalb der Wertschöpfungskette begründet werden.
(Fortsetzung)
Eco-Score, Planet-Score und Co.: aktuelle Label-Initiativen
Über die Klimabelastung hinausgehend arbeiten weltweit mehrere Gruppen an der Entwicklung umfassender Labelkonzepte, die weitere Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitseigenschaften einbeziehen und in einer Gesamtbewertung darstellen. In den letzten zwei bis drei Jahren ist eine unübersichtliche Landschaft verschiedener öffentlicher und privater Initiativen entstanden, die sich mit der Entwicklung von Messmethoden und/oder Labeln beschäftigen [14].
In Europa haben bisher die in Frankreich entwickelten Zeichen Eco-Score und Planet-Score die größte Praxisaufmerksamkeit erzielt. Über die Klimawirkung hinaus werden jeweils weitere Umweltwirkungen eingebunden und der gesamte Produktlebenszyklus abgedeckt. Entsprechend finden sich beide in ♦ Abbildung 1 im rechten oberen Quadranten. Beide Label gehen auf eine Wettbewerbsausschreibung der französischen Behörde für ökologische Transition („Ademe“) zurück. Teilnahmevoraussetzung war u. a. die Einbeziehung von Daten der staatlichen Agribalyse-Datenbank. Zielrichtung der französischen Regierung war eine verbindliche Umweltkennzeichnung für Lebensmittel. Es gibt in Europa noch weitere Labelling-Initiativen. Eine Auswahl der aus unserer Sicht zentralen Varianten ist in ♦ Abbildung 2 grafisch dargestellt und wird im Folgenden ausführlicher besprochen.
Der
Eco-Score (♦ Abbildung 2a) wurde u. a. in Deutschland von dem Einzelhändler Lidl in ausgewählten Märkten erprobt [15]. Er kombiniert die 16 Umweltwirkungskategorien, die in der Agribalyse-Datenbank erfasst sind (z. B. Klimawirkung, Wasserverbrauch, Versauerung), mit einem Bonus-Malus-System, über das weitere Kriterien einbezogen werden (z. B. Pluspunkte für bestimmte Nachhaltigkeitslabel wie Bio oder Transfair, Negativpunkte bei hoher Transportentfernung und problematischem Verpackungsmaterial). Es wird ein Gesamtscore ausgewiesen und wie im Nutri-Score in fünf farbcodierte Kategorien A–E eingeordnet. Der Eco-Score wurde von einem Konsortium um die Akteure
Open Food Facts, ein Non-Profit- Unternehmen, das eine offene Lebensmitteldatenbank bereitstellt, sowie Yuka, Betreiber einer gleichnamigen App zur Bewertung von Lebensmitteln und Kosmetikprodukten am Point of Sale, erarbeitet. Angesichts teils massiver Kritik u. a. aus der Bio-Branche am methodischen Ansatz (s. nächster Abschnitt) sowie Klagen wegen der Verwendung des geschützten Begriffs „Eco” [16] hat das Konsortium angekündigt, den Eco-Score mit Inkrafttreten des verpflichtenden französischen Umweltkennzeichens vom Markt zu nehmen.
Der
Planet-Score (♦ Abbildung 2b) ist ein Konkurrenzmodell, das federführend vom französischen
Institut de l’agriculture et de l’alimentation biologiques (ITAB) entwickelt wurde und aktuell in Deutschland vorrangig von der Bio-Branche genutzt wird. Auch der spanische Einzelhändler Eroski testet den Score bereits seit 2022 für seine Eigenmarken [17]. Das Label hat einen ähnlichen Grundaufbau, unterscheidet sich aber in den Details der einbezogenen Kriterien, der Gewichtung und der Darstellungstiefe. Kritik entzündet sich daran, dass die zugrundeliegende Methodik nicht vollständig transparent gemacht wurde und sich somit nicht der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit stellt. Dennoch wird allgemein anerkannt, dass die Urheber wichtige Lücken in der französischen Datengrundlage adressieren. Diese betreffen insbesondere die Themen Biodiversität und Pflanzenschutzmitteleinsatz. Beide werden zudem, ebenso wie Klima, mit eigenen fünfstufigen farbcodierten Skalen zusätzlich als Sub-Scores ausgewiesen (vgl. ♦ Abbildung 2b). Zudem wird in die grafische Darstellung für tierische Produkte auch eine farbcodierte Symbolik für das Tierwohl integriert. Damit ist der Planet-Score derzeit das umfassendste, über reine Umweltindikatoren hinausgehende Nachhaltigkeitslabel. Allerdings gibt es in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich bereits ein staatliches Tierhaltungskennzeichen, sodass unklar ist, ob es sinnvoll wäre, dieses mit einem Umweltzeichen zu verschmelzen. Die Einführung der geplanten verpflichtenden Umweltkennzeichnung hat sich in Frankreich angesichts methodischer Diskussionen und politischer Uneinigkeit immer wieder verzögert. Die nun vorgesehene Kennzeichnung mit dem als „
Coût Environnemental” (Umweltkosten) bezeichneten Label soll zum 01.01.2025 in Kraft treten. Ab Frühjahr 2024 können Unternehmen die Kennzeichnung erproben. Die finale methodische und grafische Umsetzung des geplanten Labels wurde noch nicht veröffentlicht.
Besonders herausfordernd für die Entwickler ist die politische Vorgabe, ein Zeichen zu entwickeln, das nicht nur für Lebensmittel, sondern für sämtliche Güter des privaten Konsums, also u. a. auch Kleidung, Wirksamkeit entfalten soll.
Außerhalb Frankreichs treibt die aus einer Brancheninitiative hervorgegangene Organisation Foundation Earth die Entwicklung und Erprobung eines LCA-basierten Umweltlabel voran, das als Eco-Impact bezeichnet wird (♦ Abbildung 2c). Der Prozess wird von bekannten Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft (z. B. Nestlé, Danone, Aldi) getragen und durch ein wissenschaftliches Expertengremium begleitet. Dabei werden aktuell zwei verschiedene LCA-Methoden mit einer unterschiedlichen Anzahl an Wirkungskategorien getestet. Das Label ist farbcodiert und bildet das Gesamtrating auf einer achtstufigen Skala (A+ bis G) ab.
Auch der EnviroScore ([18], ♦ Abbildung 2d), der aus einer Zusammenarbeit des baskischen Forschungsinstituts AZTI mit der Universität Leuven entstanden ist und ebenfalls LCA-Daten nutzt, wird aktuell getestet. Hier wird die Gesamtbewertung auf einer fünfstufigen Skala mit den Buchstaben A–E abgebildet. Die Darstellung ist an einen Tacho angelehnt und farbcodiert.
Bereits seit 2019 ist der in der Schweiz entwickelte Eaternity-Score ( ♦ Abbildung 2e) im Markt. Angeboten werden Bewertungen in den Dimensionen CO2-Fußabdruck, Wasser, Tierwohl und „Regenwald geschützt”. Die „Eaternity Database” umfasst LCAs für Mahlzeiten und Lebensmittel und wurde insb. von Unternehmen der Gemeinschaftsverpflegung aufgegriffen. Das zugehörige Logo ist schwarz-weiß gehalten und visualisiert die Bewertung jeweils in einem dreistufigen Sternesystem.
In Großbritannien wurde zudem das Institute for Grocery Distribution (IGD) von namhaften Handelsunternehmen und Lebensmittelherstellern beauftragt, ein Methodenkonzept, ein grafisches Labelformat sowie ein Governance-Konzept für eine staatliche Umweltkennzeichnung zu entwickeln. Die Vorschläge wurden im Dezember dem britischen Agrarministerium (DEFRA) übergeben.
Gemeinsamkeit der genannten Label ist die Einordnung der Umweltwirkungen in ein mehrstufiges und meist auch farbcodiertes Bewertungsschema, das den Konsument*innen die Interpretation erleichtern soll. Dieser Ansatz wird weiter unten aus Perspektive der Verbraucher*innen beleuchtet. Im Folgenden soll es zunächst um die methodischen Herausforderungen des Umweltlabel-Ansatzes gehen.
Methodische Herausforderungen
Ökobilanz als Datenbasis
Im Unterschied zum Nutri-Score, der im Wesentlichen auf den frei verfügbaren Nährwertdaten des Bundeslebensmittelschlüssels (BLS) basiert und daher für Unternehmen kostenfrei zu berechnen ist, ist die Datenlage bei Klima-, Umwelt- und Nachhaltigkeitslabeln anspruchsvoller.
Alle hier skizzierten Ansätze nutzen heute mindestens teilweise das Konzept des Life Cycle Assessments, bei dem die Nachhaltigkeitswirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette „farm to fork” erfasst werden, also von der Rohstoffgewinnung bis zur Verpackungsverwertung. Die EU hat in den letzten Jahren versucht, die Berechnungsverfahren für LCAs zu standardisieren und spricht dann von Product Environmental Footprint (PEF). In enger Anlehnung an diese beim Joint Research Centre der EU entwickelten Standards hat die französische Regierung in den letzten 10 Jahren die Agribalyse-Datenbank aufbauen lassen, die 16 wichtige Umweltwirkungen (wie Treibhausgase, Versauerung, Toxizität etc.) für inzwischen gut 2500 verschiedene Lebensmittel(zutaten) enthält. Alle zugrundeliegenden Methoden werden von der durchführenden staatlichen Behörde (Ademe) transparent veröffentlicht. Eco- und Planet-Score bauen auf diesen Daten der französischen, frei zugänglichen Datenbasis (→ https://agribalyse.ademe.fr/) auf. Für Deutschland existieren aktuell noch keine entsprechenden Datenbanken. Die in Deutschland frei zugänglichen Datenbanken („GEMIS” und „Probas”, letztere eine Datenbank des Umweltbundesamtes) enthalten nur wenige Datensätze zu Lebensmitteln [19]. Jüngste Entwicklungen in Großbritannien deuten darauf hin, dass das Department for Environment, Food & Rural Affairs (DEFRA) den Vorschlag des IGD zum Aufbau einer „Zutaten-Datenbank” für Lebensmittel in Großbritannien aufgreifen wird. Einen ähnlichen Weg geht Frankreich mit dem aktuell als Beta-Version zur Verfügung gestellten Ecobalyse-Tool, das es jedem Hersteller ermöglicht, rezeptbasiert die durchschnittlichen (sog. generischen) Umweltwirkungen seiner Produkte zu berechnen. Dabei sind neben Mengenanpassungen auch Variationen des Herkunftslandes und des Produktionsverfahrens (bio/konventionell) möglich. Für Lebensmittel fließen hier die Daten der Agribalyse ein.
Insgesamt zielt der Aufbau staatlich administrierter und frei zugänglicher Datenbanken und damit verbundener Berechnungstools darauf ab, dass Hersteller die durchschnittliche Umweltbelastung ihrer Produkte kostengünstig berechnen und nach externer Plausibilitätsprüfung kennzeichnen können.
Solche sog. generischen Daten dienen auch als Vergleichsmaßstab, um die Effekte anspruchsvoller Umweltschutzmaßnahmen besser einordnen zu können. Perspektivisch ist es wichtig, dass umweltengagierte Hersteller, deren Umweltbelastung geringer als im Durchschnitt ist, die Möglichkeit haben, dies mittels spezifischer Daten nachzuweisen und nach erfolgreicher Zertifizierung auszuloben. Dieses Vorgehen würde es ermöglichen, dass die Wirtschaft kostengünstig in der Breite kennzeichnen kann und parallel ein Wettbewerb um nachweisbaren Umweltschutz entsteht.
Datenverfügbarkeit und Datengenauigkeit
Die in der Agribalyse und anderen nationalen Datenbanken vorhandenen Umweltdaten beruhen auf verschiedenen Studien, z. T. aus der Wissenschaft, z. T. aus der Praxis. Schaut man etwas genauer hin, sieht man, dass hinter fast allen dort abgelegten Daten wiederum die Ecoinvent-Datenbank steht. Letztlich ist die Studienlage noch lückenhaft, sodass die generischen Daten, mit denen heute gerechnet wird, auf wenigen, manchmal auch schon älteren Erhebungen beruhen und teils nur Extrapolationen mehr oder weniger gut vergleichbarer Produkte darstellen. Nicht immer werden die Spezifika verschiedener Länder und unterschiedlicher Produktionsmethoden ausreichend berücksichtigt. Gerade für die Ebene der Landwirtschaft wäre es aber eigentlich wichtig, noch kleinräumiger zu messen, da z. B. zwischen dem Anbau in Bördelandschaften, auf Moor- oder Sandböden und im Mittelgebirge große Unterschiede bestehen. Auch können verschiedene industrielle Herstellungsprozesse zur Fertigung eines Produktes je nach Technologie durchaus größere Unterschiede aufweisen.
Da die Qualität der Daten die Glaubwürdigkeit der Label entscheidend bestimmt, ist es unumgänglich, dass Staat und Wirtschaft größere Anstrengungen zum weiteren Aufbau einer validen Datengrundlage unternehmen.
Solche validen Umweltdaten wären ohnehin für viele weitere umweltpolitische Instrumente sinnvoll.
Berücksichtigte Wirkungskategorien
Der LCA-Ansatz beruht auf der Erfassung von Rohstoffverbräuchen und Emissionen entlang der Wertschöpfungskette. Einige, bei Lebensmitteln wichtige, Umweltwirkungen passen nicht in das übliche LCA-Schema. So hat die Art der Landwirtschaft einen großen Einfluss auf Biodiversitätsaspekte wie die Artenvielfalt, allerdings ortsgebunden unterschiedlich mit jeweils regionalspezifischer Pflanzen- und Tierwelt. Geeignete Biodiversitätsindikatoren für die Landwirtschaft zu identifizieren, die sich in der Breite auch messen lassen, ist schwierig, und bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens hierzu. Dies trifft insbesondere für die Integration des Bio-Landbaus in ein entsprechendes Bewertungsschema zu.
Neben den Biodiversitätswirkungen gibt es weitere Wirkungsdimensionen, die durch die Agribalyse- Daten nicht erfasst sind, für die Nachhaltigkeitsbewertung von Lebensmitteln aber eine große Rolle spielen. Angesprochen sind etwa das Tierwohl und soziale Fairness, also Kriterien wie Fairtrade. Eco- und der Planet-Score adressieren dieses Problem, indem die nach Bio- oder ähnlichen Nachhaltigkeitsstandards zertifizierten Lebensmittel Bonuspunkte für ihre Biodiversitäts- und Tierwohlvorteile erhalten. Diese fließen über ein Bonus-Malus-System in den Gesamtwert ein. Während die PEF-Werte auf wissenschaftlich anerkannten Methoden beruhen, sind die konkrete Auswahl sowie das Gewicht, mit der diese Aspekte in die Bewertung einfließen, durchaus strittig.
Einordnung des ökologischen Landbaus
Bio-Lebensmittel wurden von Beginn an als die ökologisch bessere Alternative positioniert. Mit der Einführung des Bio-Siegels haben sich die EU und Deutschland klar zur Unterstützung der ökologischen Lebensmittelproduktion, deren Anforderungen gesetzlich geregelt sind, bekannt. Jedoch zeigen verschiedene Studien, dass der ökologische Landbau z. B. bei THG-Emissionen insgesamt ein ähnliches Ergebnis erzielt wie der konventionelle [3] und manche Produkte auch schlechter abschneiden, weil die Produktivität im ökologischen Landbau geringer ausfällt (Tiere erhalten z. B. mehr Platz und werden erst in höherem Alter geschlachtet). Hier entstehen also teils Zielkonflikte. Klare Vorteile des ökologischen Landbaus liegen beim Grundwasserschutz, einem deutlich geringeren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und in der Biodiversität [3]. Nachteile resultieren aus den geringen Erträgen je Hektar (vgl. den Abschnitt zur funktionellen Einheit).
Da der in der EU entwickelte Product Environmental Footprint (PEF2)-Ansatz aber Biodiversität ausblendet und die Umweltwirkungen auf die Menge, also das kg Produkt, bezieht und so die höheren Erträge des konventionellen Landbaus positiv wirken, wird der PEF und oft auch ganz generell der LCA-Ansatz von Bio-Verbänden abgelehnt. Zumindest aber wird ein deutlicher Bio-Bonus gefordert, solange es nicht möglich ist, Biodiversitätsleistungen etc. so in der LCA zu berücksichtigen, dass eine Vorzüglichkeit des Bio-Anbaus deutlich würde. Auch die Vermischung der Effekte von Anbaumethode und bspw. Verpackung wird bisweilen kritisiert, da Bio-Hersteller den über die Anbaumethode gewonnenen Bonus durch die Verwendung weniger nachhaltiger Verpackungen wieder verspielen könnten. Genau hierin liegt jedoch ein wichtiger Vorteil des LCA-Ansatzes: Schwachstellen im Gesamtprozess aufzudecken und, durch einen Vergleich mit Wettbewerbern, Anreize zur Verbesserung zu setzen.
Die konventionelle Landwirtschaft fordert sogar zusätzlich, dass auch sog. indirekte Landnutzungseffekte einzubeziehen wären: Wenn Bio in der EU mehr Fläche für die Produktion benötigt, dann kommt es möglicherweise anderswo zu Klimafolgen, z. B. durch Abholzung von Regenwald [20]. Dass es indirekte Landnutzungseffekte geben kann, ist wissenschaftlich unstrittig. Wie stark sie heute schon auftreten und ob sie nicht durch eine Reduktion, z. B. des Fleischkonsums und der Lebensmittelverluste, verhindert werden können, wird sehr kontrovers diskutiert. In den derzeit genutzten Berechnungsverfahren werden indirekte Landnutzungseffekte nicht einbezogen.
Insgesamt schlägt der alte Streit zwischen Bio und konventionell immer wieder auf die Umweltlabeldiskussion durch und verkompliziert diese.
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2 Anm. d. Red.: Nicht verwechseln mit dem PEFC, dem Programme for the Endorsement of Forest Certification, ein Programm zur Anerkennung von Zertifizierungssystemen für die Forstwirtschaft.
Methodenkonventionen
Der Streit um Biodiversität und Bio-Landbau ist nur ein, wenn auch besonders wichtiges Beispiel dafür, dass ein Label auf anerkannten Konventionen beruhen sollte. Das ist beim Nutri-Score bekanntlich auch nicht anders. Wenn Festlegungen fehlen oder strittig bleiben, dann kommt es zu massenmedialen Kampagnen von Befürwortern und Gegnern, die ein Label destruieren können. Messungs- und Bewertungskonventionen sind nichts Unübliches und liegen z. B. auch jeder Handels- und Steuerbilanz zugrunde. Allein in Deutschland gibt es deshalb mehr als 100 Lehrstühle für Wirtschafts- und Steuerprüfung, die sich genau damit beschäftigen. Im Umweltbereich sind die Anstrengungen in Politik und Wissenschaft zur Festlegung geeigneter Methoden ungleich geringer.
Funktionelle Einheit
Entschieden werden muss auch, auf welche Maßgröße die Umweltwirkungen bezogen werden sollen. Man spricht bei LCAs von der funktionellen Einheit als Vergleichsgröße. Ist die geeignete Bezugsgröße die Menge des Produktes (in kg bzw. L) wie heute üblich oder sollten Energiewerte (in Joule), Nährwerte (z. B. Protein) oder Nährwertindizes [21, 22] herangezogen werden? Bei Nicht-Lebensmitteln geht es um funktional äquivalente Produkte; man vergleicht in LCAs verschiedene Autos oder Waschmaschinen. Bei Lebensmitteln ist die Frage komplizierter. Sie sollen sättigen, Mikro- und Makronährstoffe liefern und hedonische Bedürfnisse erfüllen. Die Menge in kg ist daher sicherlich nur eine einfach zu vergleichende Hilfsgröße, keineswegs perfekt. Einzelne Nährstoffe auszuwählen und Lebensmittel nur im Hinblick auf den Proteingehalt zu vergleichen, würde aber voraussetzen, dass eine Proteinmaximierung das zentrale Ziel der Ernährung wäre – was für die im Durchschnitt eher proteinüberversorgte deutsche Bevölkerung nicht sinnvoll ist. Als Alternative zum Gewicht käme daher nur ein Energie- und Nährstoffindex in Betracht, auf den sich die Ernährungswissenschaften als Zielgröße aber erst einmal einigen müssten und der angesichts der heterogenen Ernährungsbedürfnisse in der Bevölkerung schwierig festzulegen ist [23]. Hinzu kommt, dass alle nährwertbezogenen Bezugseinheiten extrem „lobbyanfällig” wären.
Aggregation zu einem Gesamtscore
Eine besonders wichtige Festlegung, die allerdings im Kern durch die Politik erfolgen muss, betrifft die Gewichtung verschiedener Wirkungsgrößen zur Bildung eines Gesamtscores. Will man die Verbraucher*innen nicht mit einer Vielzahl von Einzelbewertungen alleine lassen, dann müssen die Daten aggregiert werden, bis hin zu einem einzigen Umwelt- oder Nachhaltigkeitswert (Single-Score). Diese Aggregation setzt, implizit oder explizit, eine Gewichtung voraus. Die Frage, ob der Klimaschutz genauso wichtig wie Biodiversität oder z. B. doppelt so wichtig ist, ist aber eine genuin politische Frage. Letztlich müssen die gewählten Volksvertreter*innen über Themenprioritäten entscheiden. Wissenschaftlich kann diese Entscheidung durch Studien etwa zu den planetaren Grenzen oder zur Präferenz der Bevölkerung gestützt, aber nicht ersetzt werden. Die heute auf EU-Ebene im Rahmen des PEF vorgenommene Gewichtung beruht auf einer Expert* innen- und einer Bevölkerungsbefragung [24] und ist nicht breit abgesichert. Kritisch zu bewerten ist auch, dass sie nicht lebensmittelspezifisch erfolgt ist. Damit ist die Aggregation zu einem zusammenfassenden Umweltwert, der dann die Grundlage z. B. für eine Farbskala wie beim Nutri-Score wäre, angreifbar.
Noch komplexer und strittiger ist der Versuch, alle vier Dimensionen der Nachhaltigkeit (inkl. Gesundheit) zu einem Wert zu verdichten. Für eine hohe Aggregation spricht, dass die Menschen dann nur einen Wert beachten müssten und nicht mit widersprüchlichen Ergebnissen (Zielkonflikten) konfrontiert wären. Dagegen spricht, dass dann sehr unterschiedliche Dimensionen wie Umwelt- und Tierschutz gegeneinander verrechnet werden müssten und unterschiedliche Konsumpräferenzen nicht angesprochen werden könnten. Je stärker aggregiert wird, umso herausfordernder wird die Gewichtung der verschiedenen Merkmale. Jede Gewichtung bedeutet letztlich eine Abwägung der Relevanz verschiedener Nachhaltigkeitsfelder, z. B. Gesundheit gegen Klimaschutz.
Aus diesen Gründen spricht vieles für eine staatliche Labelpolitik, die nicht alle Dimensionen aggregiert, sondern die zentralen vier Nachhaltigkeitsdimensionen getrennt ausweist: Gesundheit, Umwelt, Tierwohl und Soziales.
Insgesamt wird deutlich, dass die Daten- und Methodenherausforderungen beachtlich sind und ohne erheblichen staatlichen Einsatz wohl nicht gelöst werden können. Nach unserer Einschätzung werden die Herausforderungen des Umweltlabellings von der deutschen und europäischen Politik unterschätzt. Label werden teilweise als ein kostengünstiges Politikinstrument eingeschätzt, so als müsste man nur ein Zeichen grafisch entwerfen.
Anforderungen von Verbraucher*innen an ein Label
Ein Label muss nicht nur valide, sondern auch wirksam sein. Aus Perspektive der Verbraucher*innen stellen sich mehrere Grundsatzfragen:
- Benötigt man überhaupt ein Label, reichen nicht einfache Verhaltensregeln wie „weniger Fleisch essen” aus?
- Was erwarten die Verbraucher*innen hinsichtlich des Labelinhalts?
- Welche Form (Gestaltung) eines Labels ist besonders wirksam?
Labelling versus „Daumenregeln”
Der Fleischkonsum als Klimatreiber wird in jüngerer Zeit vermehrt diskutiert und ist inzwischen breiter bekannt. Reichen solche Informationen, also eine Handvoll grundlegender Verhaltensregeln, für eine nachhaltigere Ernährung nicht aus, um den Menschen Veränderungen zu ermöglichen? Dagegen spricht, dass es im Detail dann doch schwierig ist mit ganz einfachen „Daumenregeln” [3], denn die THG-Bilanz von Geflügelfleisch ist z. B. viel niedriger als die von Rindfleisch. Und es gibt auch innerhalb der Produktkategorien enorme Unterschiede (bis zu 50fach), selbst innerhalb gleicher Produktionssysteme [25]. Auch „regional” allein ist kein guter Indikator für den Klimaschutz. Regionalität ist weder hinsichtlich der räumlichen Dimension ein gesetzlich geregelter Begriff, noch beinhaltet er umweltschutzbezogene Produktionsvorgaben. Da Lebenszyklusdaten wie die der Agribalyse zudem regelmäßig zeigen, dass der Transport einen sehr geringen Anteil an den gesamten Umweltwirkungen hat, kann somit schlicht keine Beziehung zwischen „Regionalität” und Umweltfreundlichkeit eines Produktes hergestellt werden.
Einfache Handlungsregeln helfen also ein wenig beim Vergleich grober Warengruppen, d. h. bei der Entscheidung über den Ernährungsstil, z. B. in Richtung stärker pflanzlich- orientierter Ernährung [26]. Aber für viele Alltagsentscheidungen benötigen die Menschen mehr Informationen. Am Beispiel: Wie ist es denn nun mit der Avocado, ist sie ein guter Ersatz für das Steak oder genauso schädlich [27]? Wie sind pflanzliche Fleischersatzprodukte aus importierten Sojabohnen und mit zahlreichen kaum bekannten Zutaten zu bewerten? Bei diesen Entscheidungen versagen die „Daumenregeln”.
Präferenzen, Verständnis und Halo-Effekte
Klima- und Umweltschutz stehen seit längerer Zeit im Mittelpunkt vieler gesellschaftlicher Debatten und sind den Menschen in Deutschland und der EU grundsätzlich wichtig – bei allen „Aufs und Abs” der medialen Aufmerksamkeit. Eine Studie unter 10000 EU-Bürger*innen zeigte kürzlich, dass rund 63 % der Befragten sich eine Umweltkennzeichnung wünschen [28]. Der jährliche Ernährungsreport des BMEL signalisiert für Deutschland ebenfalls ein hohes Interesse der Bürger*innen an den Umweltwirkungen von Lebensmitteln, wobei eine Detailanalyse zeigt, dass sich z. B. ein etwas höherer Anteil der an Umweltwirkungen interessierten Personen für die Transportentfernungen interessiert als für den – eigentlich objektiv relevanteren – CO2-Fußabdruck der Lebensmittel. Hier findet eine Orientierung an vertrauteren Aspekten statt, die aber nicht immer zielführend ist (s. o.). Menschen können auch nicht immer klar zwischen Umwelt- und Klimaschutz differenzieren. So zeigen eigene Ergebnisse, dass auch dann, wenn ein Label als „Klimalabel” gekennzeichnet ist, viele Verbraucher*innen erwarten, dass es über ein breites Spektrum an Umweltgesichtspunkten und auch Tierwohl Auskunft gibt [29]. Die Studie mit einer Stichprobe von 500 Befragten zeigt auch, dass – trotz der starken politischen Fokussierung auf den Klimaschutz – Klima den Menschen nicht generell wichtiger als der breitere Umwelt- und Naturschutz ist. Bei Gewichtung verschiedener Umweltwirkungen mittels Konstantsummenskala (100 Punkte können auf verschiedene Bereiche verteilt werden) erhielt Klimaschutz mit 15 Punkten im Median, gemeinsam mit Wasserverbrauch, den höchsten Wert. Gesundheitsbelastende Auswirkungen liegen im Median bei 14, der Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen bei 11 Punkten. Der Zustand natürlicher Ökosysteme, Flächenverbrauch/Landnutzung sowie bedrohte Arten erreichen hier jeweils einen Median von 10 Punkten [29]. Ein Label, das allein die THG-Emissionen umfassen würde, könnte daher Irritationen hervorrufen, weil die Menschen eine ganzheitliche Umweltbewertung erwarten.
Hinzu kommt der bei Labeln generell auftretende Heiligenscheineffekt (Halo-Effekt), der z. B. für Bioprodukte gut untersucht ist [30]. Mangels detaillierten Wissens vermuten viele Verbraucher*innen, dass das positiv eingeschätzte Bio-Label nicht nur umweltfreundlichere, sondern auch gesündere Produkt kennzeichnet – auch wenn dies die EU-Bio-Verordnung nicht sicherstellt. Der problematische Halo-Effekt ist umso geringer, je vollständiger ein Label die Nachhaltigkeitsdimensionen abdeckt.
Neben einem ggfs. mangelnden Verständnis der Breite der Label, kann es aber auch zu inhaltlichen Missverständnissen in Bezug auf einzelne Wirkungskategorien kommen. Eigene Arbeiten im Rahmen von EEKlim3 zeigen bspw., dass der Begriff „Biodiversität” von Verbraucher*innen kaum verstanden wird [31]. Des Weiteren können wir zeigen, dass Verbraucher*innen die im Planet-Score ausgewiesene Kategorie „Pestizide” von mehr als 70 % der 1500 Befragten als ein Maßstab für das Vorhandensein von Pestizidrückständen im Produkt missverstanden wird.
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3 Entwicklung und Erprobung eines Klimalabels für Lebensmittel in Niedersachsen (EEKlim)
Grafisches Design eines wirksamen Labels
Ein Blick auf ♦ Abbildung 2 zeigt, dass die Mehrzahl der Label eine Farbcodierung nutzt. Begründet werden kann dies mit den umfassenden Untersuchungen, die im Zusammenhang mit der Entwicklung des Nutri-Score durchgeführt wurden. Die wohl aussagekräftigste Studie hierzu liefern Dubois et al. [32], die in einem breit angelegten Live-Experiment bei Carrefour den farbcodierten Nutri-Score als das beste von vier unterschiedlichen Labelformaten herausstellen.
Im Zusammenhang mit Umweltkennzeichnungen liegen Studien vor, die die verstärkende Wirkung von Farbkennzeichnungen auf die Zahlungsbereitschaft von Verbraucher*innen nachweisen [33]. Zühlsdorf et al. [11] belegen Vorteile eines fünfstufigen Ampelschemas für die Einschätzung der Klimawirkung eines Lebensmittels gegenüber anderen Kennzeichnungsformaten. Eigene, bisher unveröffentlichte, Studien [34] zeigen zudem, dass eine Farbcodierung Menschen hilft, sehr viel schneller das Produkt mit der jeweils besten Umweltperformance zu identifizieren.
Allerdings sollte eine Abgrenzung zum Nutri-Score gewährleistet sein, damit es nicht zu Verwechselungen kommt, insbesondere solange die Label nicht verpflichtend sind und daher nicht zwingend gleichzeitig auftreten. Hier bieten sich zwei Optionen an: Das Umweltlabel könnte mit dem gleichen Farbschema, aber mithilfe eines Signets und anderer grafischer Mittel hinreichend abgegrenzt werden. Oder mehrere staatliche Label (Tierschutzlabel, Nutri-Score, Umweltlabel) werden in ein gemeinsames grafisches Dach integriert [3]. Ein solches Dach- oder Meta-Label wird in jüngster Zeit wieder in der Forschung aufgegriffen [35]. Zuvor gab es bereits zu Beginn der 2010er Jahre eine erste wissenschaftliche Diskussion, allerdings ohne größere empirische Studien [36].
Empfehlenswert wäre auch eine vorgeschriebene, einheitliche Platzierung der staatlichen Zeichen auf der Verpackung, sodass die Verbraucher* innen diese leicht wiederfinden. Kanada hat dies beispielsweise für die Nährwertkennzeichnung vorgeschrieben.
Schlussfolgerungen
Verbraucher*innen benötigen mehr Transparenz über die Umweltwirkungen von Lebensmitteln, um Ernährungsstil und Einkaufsverhalten verändern zu können. Positive Wirkungen von Klima- und Umweltlabeln sind gut belegt. Der aktuelle Label-Wildwuchs und das verbreitete Greenwashing sind problematisch. Aus der bisherigen Diskussion lassen sich folgende Hinweise ableiten:
- Empfohlen wird der Aufbau einer validen staatlichen Datenbank über die Umwelteffekte von Lebensmitteln, vergleichbar zum BLS, die mit den französischen bzw. europäischen Methoden harmonisiert und über die Jahre ausgebaut werden sollte.
- Eine europäische Harmonisierung der Methodik ist wichtig, weil es mindestens in Frankreich bald eine Kennzeichnungspflicht geben wird. Auch in Deutschland sollte perspektivisch ein verpflichtendes Labelling angestrebt werden.
- Methodische Lücken sind über die Zeit zu schließen und sollten der aktuellen Debatte nicht den Schwung nehmen: Eine perfekte Bewertungsmethode für ein Label, das zeigt auch die Nutri-Score-Debatte, gibt es nicht. Richtungsstabilität, also die Konsistenz der Einordnung der verschiedenen Lebensmittel, muss bei der Weiterentwicklung der Methoden jedoch sichergestellt werden.
- Die hohe Anfälligkeit des Labellings für Lobbyprozesse erfordert eine stringente, wissenschaftlich gestützte politische Steuerung des Prozesses.
- Will man eine wirksame Kennzeichnung schaffen, muss den Erkenntnissen der Konsumforschung zum Labeldesign Priorität gegenüber Partikularinteressen eingeräumt werden. Ein Teil der Lebensmittelwirtschaft ist nicht an Transparenz interessiert.
(Förderhinweis: Gefördert durch das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz)
Dr. Anke Zühlsdorf1
Dr. Birgit Schulze-Ehlers
Prof. Dr. Achim Spiller
Georg-August-Universität Göttingen
Platz der Göttinger Sieben 5
37073 Göttingen
1 azuehls@uni-goettingen.de
Angaben zu Interessenkonflikten und zum Einsatz von KI
Dr. Zühlsdorf und Prof. Dr. Spiller sind Mitglieder des Expert*innenbeirats der TCL-Iniative. Frau Dr. Zühlsdorf erhält eine Aufwandsentschädigung für diese Tätigkeit. Für die Erstellung dieses Beitrags hat die Autorin keine Honorare von den Unternehmen der Initiative bezogen.
Prof. Dr. Spiller erhält keine Honorare von den Unternehmen der Initiative.
Dr. Birgit Schulze-Ehlers erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für die Erstellung des Manuskripts wurden keine KI-Anwendungen eingesetzt.
Zitierweise
Zühlsdorf A, Schulze-Ehlers B, Spiller A: Wegweiser dringend gesucht! Hintergrund, Entwicklungsstand und Herausforderungen von Klima- und Umweltlabeln auf Lebensmitteln. Ernährungs Umschau 2024; 71(3): M142–53.
DOI: 10.4455/eu.2024.008
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