Sicherheit haben wir wenigstens über die uns jetzt Regierenden. Hatten Wettbüros Anfang 2021 noch 10:1 auf eine CDU-geführte Regierung gesetzt, haben viele wechselwillige WählerInnen zu dem bekannten Wahlergebnis geführt und frühe Wahlprognosen widerlegt. Der inzwischen in Kraft getretene Koalitionsvertrag widmet ganze 18 Zeilen (Zeile 1430–1449) dem für uns wichtigen Thema Ernährung bzw. der Ernährungspolitik. Positiv hervorzuheben ist, dass „mit den Akteuren bis 2023 eine Ernährungsstrategie“ erarbeitet und beschlossen werden soll, dass die DGE-Standards zur Gemeinschaftsverpflegung stärker etabliert werden sollen, inkl. der Vernetzungsstellen, dass Lebensmittelverschwendung reduziert und alternative Proteinquellen gestärkt werden sollen, dass an Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt eingeschränkt werden und der Nutri-Score weiterentwickelt werden soll – alles Themen, bei denen die DGE mit ihren ExpertInnen im wissenschaftlichen Präsidium und in der Hauptgeschäftsstelle wichtige Aspekte beisteuern kann.

Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK)1 und andere kritische Stimmen betonen zwar, dass die genannten Ziele in die richtige Richtung gehen und jetzt Chancen für eine ambitionierte Ernährungspolitik bestehen. Sie mahnen aber gleichzeitig an, dass vieles bisher noch sehr vage und wenig konkret ist, dass verbindliche Regelungen anstelle freiwilliger Selbstverpflichtungen treten müssen, dass „viele Möglichkeitsfenster für reale Fortschritte“ bestehen und dass eine stärkere Mitarbeit der Lebensmittelwirtschaft bei der Erarbeitung der Ernährungsstrategie mehr als kontraproduktiv sein wird. In der ersten BMEL-Pressemitteilung2 betont der neue Bundesminister Cem Özdemir die Bedeutung der Landwirtschaft für die Produktion von Lebensmitteln und die Transformation zu mehr Tierwohl, Umwelt-, Klima- und Artenschutz. Die dringend notwendige Transformation der Ernährungssysteme hin zu einer gesundheitsförderlichen Ernährung steht bisher offenbar nicht auf seiner Agenda.

Passend hierzu haben wir für Sie in dieser Ausgabe einen Beitrag von Peter von Philipsborn zum Thema „Wissenschaftliche Evidenz in der Ernährungspolitik“ (S. M22) und zusätzlich ein Interview mit Dinah Stratenwerth vom Bildungsprojekt Food Justice über Steuerungsinstrumente im Ernährungssystem (S. M30).

Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und Freunden im neuen Jahr möglichst viele unbeschwerte Monate und weiterhin einen konstruktiv-kritischen Blick auf unsere Ernährungspolitik.

Ihr Helmut Heseker

_________________________

1 Pressemitteilung DANK vom 8.12.2021

2 Pressemitteilung des BMEL vom 8.12.2021





Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 1/2022 auf Seite M1.


Ein Jahr mit teils ziemlich (un)erwarteten Verläufen liegt hinter uns. Die Expertenvorhersage, dass das winzige, unsichtbare SARS-CoV-2-Virus sehr hartnäckig, hintertückisch und hochgradig mutierfähig ist und nicht so schnell, wie es fast alle Erdwinkel erreicht hat, auch wieder verschwinden wird, ist leider – und zum großen Erstaunen einer offenbar deutlich überforderten Gesundheits- und Innenpolitik – wahr geworden. Nach den massiven Lockdown-Einschränkungen stellte sich ab Frühsommer 2021 sogar so etwas wie Normalität ein, bevor die Pandemie im Spätherbst wieder entsetzlich Fahrt aufnahm. Die Unsicherheit über die weitere epidemische Entwicklung und die gleichzeitig verstärkt zu beobachtenden gesellschaftlichen Verwerfungen werden uns wohl noch einige Zeit begleiten.


Sicherheit haben wir wenigstens über die uns jetzt Regierenden. Hatten Wettbüros Anfang 2021 noch 10:1 auf eine CDU-geführte Regierung gesetzt, haben viele wechselwillige WählerInnen zu dem bekannten Wahlergebnis geführt und frühe Wahlprognosen widerlegt. Der inzwischen in Kraft getretene Koalitionsvertrag widmet ganze 18 Zeilen (Zeile 1430–1449) dem für uns wichtigen Thema Ernährung bzw. der Ernährungspolitik. Positiv hervorzuheben ist, dass „mit den Akteuren bis 2023 eine Ernährungsstrategie“ erarbeitet und beschlossen werden soll, dass die DGE-Standards zur Gemeinschaftsverpflegung stärker etabliert werden sollen, inkl. der Vernetzungsstellen, dass Lebensmittelverschwendung reduziert und alternative Proteinquellen gestärkt werden sollen, dass an Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt eingeschränkt werden und der Nutri-Score weiterentwickelt werden soll – alles Themen, bei denen die DGE mit ihren ExpertInnen im wissenschaftlichen Präsidium und in der Hauptgeschäftsstelle wichtige Aspekte beisteuern kann.

Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK)1 und andere kritische Stimmen betonen zwar, dass die genannten Ziele in die richtige Richtung gehen und jetzt Chancen für eine ambitionierte Ernährungspolitik bestehen. Sie mahnen aber gleichzeitig an, dass vieles bisher noch sehr vage und wenig konkret ist, dass verbindliche Regelungen anstelle freiwilliger Selbstverpflichtungen treten müssen, dass „viele Möglichkeitsfenster für reale Fortschritte“ bestehen und dass eine stärkere Mitarbeit der Lebensmittelwirtschaft bei der Erarbeitung der Ernährungsstrategie mehr als kontraproduktiv sein wird. In der ersten BMEL-Pressemitteilung2 betont der neue Bundesminister Cem Özdemir die Bedeutung der Landwirtschaft für die Produktion von Lebensmitteln und die Transformation zu mehr Tierwohl, Umwelt-, Klima- und Artenschutz. Die dringend notwendige Transformation der Ernährungssysteme hin zu einer gesundheitsförderlichen Ernährung steht bisher offenbar nicht auf seiner Agenda.

Passend hierzu haben wir für Sie in dieser Ausgabe einen Beitrag von Peter von Philipsborn zum Thema „Wissenschaftliche Evidenz in der Ernährungspolitik“ (S. M22) und zusätzlich ein Interview mit Dinah Stratenwerth vom Bildungsprojekt Food Justice über Steuerungsinstrumente im Ernährungssystem (S. M30).

Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und Freunden im neuen Jahr möglichst viele unbeschwerte Monate und weiterhin einen konstruktiv-kritischen Blick auf unsere Ernährungspolitik.

Ihr Helmut Heseker

_________________________

1 Pressemitteilung DANK vom 8.12.2021

2 Pressemitteilung des BMEL vom 8.12.2021





Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 1/2022 auf Seite M1.


Editorial: Wende in der Regierung – Wende in der Ernährungspolitik?

Sicherheit haben wir wenigstens über die uns jetzt Regierenden. Hatten Wettbüros Anfang 2021 noch 10:1 auf eine CDU-geführte Regierung gesetzt, haben viele wechselwillige WählerInnen zu dem bekannten Wahlergebnis geführt und frühe Wahlprognosen widerlegt. Der inzwischen in Kraft getretene Koalitionsvertrag widmet ganze 18 Zeilen (Zeile 1430–1449) dem für uns wichtigen Thema Ernährung bzw. der Ernährungspolitik. Positiv hervorzuheben ist, dass „mit den Akteuren bis 2023 eine Ernährungsstrategie“ erarbeitet und beschlossen werden soll, dass die DGE-Standards zur Gemeinschaftsverpflegung stärker etabliert werden sollen, inkl. der Vernetzungsstellen, dass Lebensmittelverschwendung reduziert und alternative Proteinquellen gestärkt werden sollen, dass an Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt eingeschränkt werden und der Nutri-Score weiterentwickelt werden soll – alles Themen, bei denen die DGE mit ihren ExpertInnen im wissenschaftlichen Präsidium und in der Hauptgeschäftsstelle wichtige Aspekte beisteuern kann.

Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK)1 und andere kritische Stimmen betonen zwar, dass die genannten Ziele in die richtige Richtung gehen und jetzt Chancen für eine ambitionierte Ernährungspolitik bestehen. Sie mahnen aber gleichzeitig an, dass vieles bisher noch sehr vage und wenig konkret ist, dass verbindliche Regelungen anstelle freiwilliger Selbstverpflichtungen treten müssen, dass „viele Möglichkeitsfenster für reale Fortschritte“ bestehen und dass eine stärkere Mitarbeit der Lebensmittelwirtschaft bei der Erarbeitung der Ernährungsstrategie mehr als kontraproduktiv sein wird. In der ersten BMEL-Pressemitteilung2 betont der neue Bundesminister Cem Özdemir die Bedeutung der Landwirtschaft für die Produktion von Lebensmitteln und die Transformation zu mehr Tierwohl, Umwelt-, Klima- und Artenschutz. Die dringend notwendige Transformation der Ernährungssysteme hin zu einer gesundheitsförderlichen Ernährung steht bisher offenbar nicht auf seiner Agenda.

Passend hierzu haben wir für Sie in dieser Ausgabe einen Beitrag von Peter von Philipsborn zum Thema „Wissenschaftliche Evidenz in der Ernährungspolitik“ (S. M22) und zusätzlich ein Interview mit Dinah Stratenwerth vom Bildungsprojekt Food Justice über Steuerungsinstrumente im Ernährungssystem (S. M30).

Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und Freunden im neuen Jahr möglichst viele unbeschwerte Monate und weiterhin einen konstruktiv-kritischen Blick auf unsere Ernährungspolitik.

Ihr Helmut Heseker

_________________________

1 Pressemitteilung DANK vom 8.12.2021

2 Pressemitteilung des BMEL vom 8.12.2021


Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 1/2022 auf Seite M1.
Verschlagwortet mit: SARS-CoV-2

News zum Thema des Artikels

Online News: Debatte um die Einführung der Süßgetränkesteuer in Deutschland

Die Diskussion um die Einführung einer Steuer auf zuckergesüßte Erfrischungsgetränke (sogenannten „Zuckersteuer“) in Deutschland hat sich in den vergangenen Wochen deutlich intensiviert. Seit dem 29. April 2026 gilt die Einführung der Steuer als politisch beschlossen; i …
weiterlesen

Zwei Personen sitzen am Tisch und prüfen ein Schriftstück

Online News: Leopoldina veröffentlicht Positionspapier zur Prävention und Therapie von Adipositas

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat einen Policy Brief zur Eindämmung der Adipositas-Epidemie in Deutschland veröffentlicht. Darin empfiehlt sie Strategien zur Prävention und Therapie von Adipositas …
weiterlesen

5 Grafiken von Menschen in unetrschiedlichen Essumgebungen

Lesetipp Heft 2/2026: Wie Ernährungsumgebungen in grafischen Modellen dargestellt werden

Das Konzept der Ernährungsumgebungen versucht die verschieden Einflussebenen auf das individuelle Ernährungsverhalten zu verdeutlichen. Der Special Beitrag stellt verschiedene Modelle mit ihren Stärken und Limitationen für Public Health-Aufgaben vor …
weiterlesen

Artikelfakten

Rubrik: Editorial
Veröffentlicht: 12.01.2022

Themen des Artikels

Dieser Artikel erscheint in

Artikel teilen

Weitere Artikel zum Thema

15.06.2026

Editorial 6/2026: Geldnot oder Einsicht?

Es wird zunehmend schwerer, ein Editorial mit Bezug zu (gesundheits)politischen Debatten zu schreiben, das bei Erscheinen noch aktuell ist. Der für unsere Fachzeitschrift technisch notwendige Vorlauf von im Minimum 12 Tagen kann den Text schnell altern lassen, und ander … weiterlesen

15.09.2025

Welternährung: UN-Gipfel zu Ernährungssystemen

Weltweit hungern 733 Mio. Menschen, während über eine Milliarde stark übergewichtig sind. Gleichzeitig zerstört unser Ernährungssystem Ökosysteme, treibt den Klimawandel voran und gefährdet unsere Gesundheit. Es vertieft Ungleichheiten – auf Kosten von Mensch und Umwelt … weiterlesen

Politische Weichenstellung: Der VDD im Dialog mit der Politik und Stakeholdern

Die neue Bundesregierung hat ihre Arbeit aufgenommen – mit frischem Koalitionsvertrag und vielen Vorhaben, die direkte Relevanz für Diätassistent*innen und andere Ernährungsfachkräfte haben. Der Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband e. V. (VDD) ist polit … weiterlesen

11.06.2025

Ernährungspolitik: Ernährungsthemen im Koalitionsvertrag: eine Einordnung

Am 9. April wurde der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD für die Legislaturperiode 2025–2029 unter dem Titel „Verantwortung für Deutschland“ vorgestellt [1]. Während des Wahlkampfs und der Koalitionsverhandlungen dominierten Themen rings um die wirtschaftliche Entwi … weiterlesen

14.05.2025

Ernährungspolitik: Bürger*innen fordern mehr Mitbestimmung und weniger Spaltung

Laut einer aktuellen Ernährungsstudie der Robert Bosch Stiftung und der Organisation More in Common wünschen sich die Menschen in Deutschland eine Politik, die gesunde, regionale und bezahlbare Lebensmittel fördert – ohne Vorschriften oder Verbote [1]. Gleichzeitig ford … weiterlesen

15.04.2025

Public Health Nutrition: Akzeptanz ernährungspolitischer Maßnahmen zur Prävention

Wissenschaftlich fundierte ernährungspolitische Maßnahmen können bei der Prävention von nichtübertragbaren Krankheiten einen wichtigen Beitrag leisten. weiterlesen

15.04.2025

VDBD-Positionspapier: Zur politischen Lage der Diabetesberatung in Deutschland

Die Zahl der Menschen mit Diabetes wächst. Inzwischen sind etwa 9 Mio. Betroffene offiziell diagnostiziert, hinzu kommt eine Dunkelziffer von mind. 2 Mio. Trotz steigender Krankheitszahlen bleibt die Diabetesberatung in der Gesundheitspolitik weitgehend unberücksichtigt … weiterlesen

13.11.2024

Interprofessionelle Zusammenarbeit im Studium: Förderung der Patient*innensicherheit durch innovative Lehrmethoden

Einleitung Das Thema der interprofessionellen Zusammenarbeit im Gesundheitswesen hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die Gesundheitspolitik beschreibt die sektorenübergreifende, integrierte und interprofessionelle Versorgung als zentrales Desidera … weiterlesen