Rund die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland lebt nach Angaben des Statistischen Bundesamts mit Übergewicht oder Adipositas. Eine im Auftrag des EKFZ durchgeführte repräsentative Forsa-Umfrage unter Betroffenen zeigt, dass viele gesellschaftliche Diskriminierung erleben und nur eingeschränkt von modernen ernährungsmedizinischen Beratungs- und Therapiemöglichkeiten profitieren.
Im Rahmen eines Pressegesprächs im Münchner Presseclub thematisierte das EKFZ die strukturellen Defizite in Zeiten knapper Kassen. Prof. Hans Hauner, Seniorprofessor für Ernährungsmedizin der Else Kröner-Fresenius-Stiftung, kritisierte die aktuelle Versorgungssituation. Trotz zwischenzeitlicher Hoffnung auf Fortschritte in der vergangenen Legislaturperiode dominiere aktuell das Ziel der Kosteneinsparung – zulasten eines modernen, leitliniengerechten Leistungsspektrums.
Die Ursachen für die Versorgungslücke seien vielfältig: Trotz der medizinischen Bewertung von Adipositas als chronische Erkrankung werde sie im Sozialgesetzbuch V nicht als solche anerkannt. Die zur Behandlung zugelassenen Medikamente gälten dort als Lifestyle-Arzneimittel, die von der Erstattung ausgeschlossen sind. Neue Behandlungsmethoden würden von Betroffenen teils skeptisch betrachtet. Dies schränke die Handlungsspielräume der Krankenkassen erheblich ein. Zudem fehlten multiprofessionelle Behandlungszentren. Die Forsa-Umfrage zeige zudem erstmals deutlich, dass Frauen offener auf Informationen und Beratungsmöglichkeiten reagieren als Männer. Derzeit blieben viele Potentiale ungenutzt.
In einer Podiumsdiskussion machte Christel Moll, Vorstandsvorsitzende des Adipositas Verbands Deutschland e. V., deutlich, dass es dringend einer strukturierten, multimodalen Versorgungsstruktur einschließlich qualifizierter Ernährungsberatung sowie Zugangs zu modernen Adipositas-Therapien bedarf.
Dr. Christian Graf, Bereichskoordinator Versorgung bei der BARMER, unterstrich, dass bestehende Maßnahmen wie qualifizierte Ernährungsberatung, Gewichtsreduktionsprogramme oder digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) spürbare Verbesserungen ermöglichen können. Zudem bezeichnete er die von der Bundesregierung angekündigte Abgabe auf zuckerhaltige Getränke als einen richtigen und wichtigen Schritt.
Mit Blick auf die Zukunft formuliert das EKFZ vier zentrale Forderungen an Politik und Selbstverwaltung:
- Flächendeckende, evidenzbasierte Versorgung, insbesondere durch die Implementierung des DMP (Disease-Management-Programm) Adipositas.
- Anerkennung von Adipositas als chronische Erkrankung im SGB V.
- Verlässliche Kostenerstattung, damit Behandlung nicht vom Geldbeutel abhängt.
- Mehr staatliche Präventions- und Behandlungsmaßnahmen, um Adipositas wirksam entgegenzuwirken.
Die Aufzeichnung des Pressegesprächs sowie die Kerndaten der Forsa-Umfrage stehen auf der Website des EKFZ zur Verfügung.
Quelle: Else Kröner Fresenius Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ), Pressemeldung vom 03.07.2026





