
Drei Hauptrisikofaktoren für vorzeitige Mortalität in der europäischen Region der WHO. © WHO Regional Office for Europe
Alle drei Jahre veröffentlicht das WHO-Regionalbüro für Europa seine Flaggschiff-Publikation, den Europäischen Gesundheitsbericht. Er zieht ein Resümee über die bislang erzielten Fortschritte des gesundheitspolitischen Rahmenprogramms „Gesundheit 2020“. Mit diesem Konzept haben es sich die Länder der Europäischen Region im Jahr 2012 zur Aufgabe gemacht, die Gesundheit und das Wohlbefinden in der Bevölkerung zu verbessern, Ungleichheiten im Gesundheitsbereich abzubauen und nachhaltige, auf Chancengleichheit ausgerichtete Gesundheitssysteme zu gewährleisten.
Zusätzlich verständigten sich die Mitgliedsstaaten im Jahr 2013 auf maßgebende Dachziele, die der Überwachung von „Gesundheit 2020“ dienen sollen. Neben der Senkung vorzeitiger Mortalität und einer Erhöhung der Lebenserwartung steht auch der Abbau gesundheitlicher Ungleichgewichte auf der Agenda der WHO.
Europa auf Kurs – einige Zahlen trotzdem alarmierend
Laut Bericht ist die europäische Region auf Kurs, die Ziele zur Senkung der vorzeitigen Mortalität aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes mellitus und chronischen Atemwegserkrankungen zu erreichen. Unabhängig davon bleiben die Raten von Alkohol- und Tabakkonsum sowie Übergewicht und Adipositas, den Hauptrisikofaktoren einer vorzeitigen Mortalität, alarmierend hoch.
„Die Europäische Region weist von den Weltregionen den höchsten Alkohol- und Tabakkonsum auf und liegt, was Übergewicht und Adipositas betrifft, nur geringfügig hinter der Region Gesamtamerika – der WHO-Region mit der höchsten Prävalenz“, heißt es im Bericht. Somit besteht trotz ermutigender Fortschritte laut Dr. Zsuzsanna Jakob, WHO-Regionaldirektorin für Europa, ein reelles Risiko, dass diese Erfolge verloren gehen, wenn der Tabak- und Alkoholkonsum weiter auf dem gegenwärtigen Niveau bliebe.
Vorzeitige Mortalität
Die vorzeitige Mortalitätsrate bedingt durch die vier führenden NCDs („noncommunicable diseases“ = nicht-übertragbare Krankheiten) – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes mellitus und chronische Atemwegserkrankungen – ist zwischen 1998 und 2012 von 624 auf 404 Todesfälle je 100 000 Personen gesunken. Dies entspricht laut Bericht einer jährlichen Reduktion um durchschnittlich 1,8 Prozent. Die WHO-Experten betonen, dass über 50 Prozent der durch die vier wichtigsten NCDs verursachten vorzeitigen Sterblichkeit auf kardiovaskuläre Erkrankungen zurückzuführen sei.
Demzufolge habe der beschleunigte Rückgang kardiovaskulärer Todesfälle seit Mitte der 2000er Jahre wesentlich zum Abwärtstrend der Gesamtmortalität beigetragen. Entfielen im Jahr 1998 noch knapp über ein Drittel (37 Prozent) auf Krebs als Ursache vorzeitiger Sterblichkeit, so stieg dieser Anteil kontinuierlich auf 43 Prozent bis 2012 an. Chronische Atemwegserkrankungen und Diabetes mellitus machen hingegen mit insgesamt 6 Prozent den geringsten Anteil der Todesfälle aus.
Alkoholkonsum
Europa ist in den vergangenen Jahren mit verschiedenen Kampagnen, wie dem Europäischen Aktionsplan, zum Vorreiter im Kampf gegen alkoholbedingte gesundheitliche Schäden geworden. Insgesamt sank der Alkoholkonsum in den Jahren 2005–2010 um 10 Prozent. Dennoch konsumieren die Europäer mit rund 11 Litern reinem Alkohol pro Kopf und Jahr weltweit am meisten Alkohol. Die Durchschnittsmenge variiert allerdings stark im Vergleich der Mitgliedsstaaten und reicht von 0,32 bis 14,37 Liter pro Kopf und Jahr. Am meisten getrunken wird in Weißrussland, Litauen und Tschechien. Länder wie die Türkei und Aserbaidschan zeigen sich am zurückhaltendsten. Die Deutschen liegen auch hier mit rund 11 Litern pro Kopf im europäischen Durchschnitt.
Übergewicht und Adipositas
Übergewicht und Adipositas stellen laut WHO eine der größten Herausforderungen des öffentlichen Gesundheitswesens im 21. Jahrhundert dar. Von 2010 bis 2014 ist die Anzahl übergewichtiger und adipöser Menschen in 51 Mitgliedsstaaten, für die Daten zur Verfügung standen, gestiegen. Seit den 1980er Jahren habe sich die Prävalenz in einigen Ländern sogar verdreifacht. Die europäische Region liege mit rund 59 Prozent übergewichtiger Menschen nur knapp hinter der Region Gesamtamerika – der WHO-Region mit der höchsten Übergewichtsprävalenz (61 Prozent). Adipös sind dem Bericht zufolge 27 Prozent aller Amerikaner und 23 Prozent aller Europäer.
Während europäische Männer häufiger an Übergewicht leiden, tritt Adipositas vorwiegend bei Frauen auf. Die Spannbreite der Übergewichtsprävalenz reicht in der europäischen Region von 45 bis 67 Prozent, die Adipositasprävalenz liegt zwischen 14 und 30 Prozent. Im Ländervergleich weist Andorra den größten Anteil übergewichtiger Menschen auf, Tajikistan den geringsten. Deutschland rangiert mit 55 Prozent übergewichtigen und 30 Prozent adipösen Menschen im unteren Drittel der Liste. Die WHO-Experten schätzen außerdem, dass rund 20 Prozent aller Männer und 25 Prozent aller Frauen in der europäischen Region nicht ausreichend körperlich aktiv sind.
Darüber hinaus sei die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen ein wichtiger Indikator für die Zielquantifizierung von „Gesundheit 2020“. Aus der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC), an der 36 europäische Länder oder subnationale Regionen sowie die USA und Kanada teilnahmen, ging im Jahr 2012 hervor, dass 11 bis 33 Prozent aller 11-Jährigen übergewichtig oder adipös sind. Die durchschnittliche Prävalenz von Übergewicht und Adipositas betrug 23 Prozent bei den 11-Jährigen, 19 Prozent bei den 13-Jährigen und 16 Prozent bei den 15-Jährigen. In allen teilnehmenden Staaten hatten Jungen oftmals wesentlich höhere Übergewichts- und Adipositasraten als Mädchen.
Es zeigte sich außerdem, dass der Anteil 11-Jähriger, die täglich für mindestens eine Stunde mittelschwer bis stark körperlich aktiv waren, bei Jungen nur zwischen 10 und 43 Prozent und bei Mädchen zwischen 7 und 31 Prozent lag. In der Altersklasse der 13- bis 15-Jährigen verzeichnete die HBSC sogar noch niedrigere Raten körperlicher Aktivität.





