Die Europäische Kommission hatte der Tablette im Juli die Zulassung für die Adipositasbehandlung erteilt. Die Indikation unterscheidet sich nicht von der Injektionstherapie. Die Tablette eignet sich für dieselbe Patient*innen-Gruppe wie die Injektion, erklärt Nina Meyer von der Berliner Charité. Beide Applikationsformen – oral und subkutan – sind zum Gewichtsmanagement bei Erwachsenen mit einem Ausgangs-BMI von ≥ 30 kg/m² oder ≥ 27 kg/m² mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung wie Hypertonie, Dyslipidämie, obstruktive Schlafapnoe oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes mellitus zugelassen.
Gewichtsabnahme ähnlich wie bei der Spritze
In der Zulassungsstudie OASIS 4 verloren Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung nach 64 Wochen unter oralem Semaglutid im Mittel 13,6 % ihres Körpergewichts, unter Placebo waren es 2,2 %. Die Dosis wurde dabei von 3 mg auf 25 mg gesteigert [1].
Die Ergebnisse der Studie sprechen für eine deutliche Wirksamkeit der Tablette. Einen direkten Vergleich mit der Injektion gab es in der Studie jedoch nicht. Nach Einschätzung Meyers sind die Gewichtseffekte der beiden Darreichungsformen dennoch vergleichbar, da in den Zulassungsstudien die Gewichtseffekte sehr ähnlich waren.
Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München beziffert die Gewichtsabnahme auf etwa 10 bis 12 kg. Beide Fachleute betonen jedoch, dass das Medikament allein nicht reiche, um das Gewicht dauerhaft zu halten. Wichtig sei eine ärztliche Begleitung sowie Therapien für Ernährung, Bewegung und Verhalten.
Deutlich höhere Dosis nötig
Da Semaglutid bei oraler Einnahme nur zu einem kleinen Teil aufgenommen wird, muss die Tablette deutlich höher dosiert werden als die Injektion.
Ermöglicht wird die Aufnahme durch den Absorptionsverstärker SNAC (Salcaprozat-Natrium). Die Bioverfügbarkeit kann zwar von Tag zu Tag schwanken, auf längerer Sicht sei aber davon auszugehen, dass die Wirkstoffspiegel unter den beiden Applikationsformen vergleichbar seien, so Hauner. Während die Spritzentherapie bis maximal 2,4 mg hochdosiert werden kann, werde für die Tabletten eine Dosierung von 25 mg als Maximaldosis verfügbar sein. Im Frühjahr hatte die Europäische Kommission zudem eine höhere wöchentliche Erhaltungsdosis (7,2 mg) der Injektion für Erwachsene zugelassen, die nach 4 Wochen unter 2,4 mg eine zusätzliche Gewichtsreduktion benötigen.
Vorteile gegenüber der Spritze
Ein wesentlicher Vorteil der Tablette ist laut Meyer die Wahlmöglichkeit. Für Menschen, die sich ungern spritzen oder die Injektion zu Hause nicht zuverlässig umsetzen können, kann die Tablette ein komfortablerer Einnahmeweg sein. Die Einnahme ist allerdings anspruchsvoller als bei vielen anderen Tabletten. Sie muss täglich auf nüchternen Magen mit wenig Flüssigkeit eingenommen werden. Anschließend muss mindestens 30 Minuten bis zum Essen und Trinken gewartet werden. Auch andere Medikamente sollten in diesem Zeitraum nicht eingenommen werden.
Nebenwirkungen und offene Fragen
Das Nebenwirkungsprofil unterscheidet sich nach Meyer nicht relevant von dem der Spritze. Im Vordergrund stehen gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und Durchfall. In den Studien seien die Nebenwirkungen meist mild bis moderat und schwere Nebenwirkungen selten gewesen.
Patient*innen essen unter der Therapie deutlich weniger. Hauner verweist auf Studien, in denen bei einem Teil der Behandelten neben einem deutlichen Gewichts- und Muskelverlust auch Vitamin- und Mineralstoffmängel beobachtet wurden. Meyer betont deshalb die Bedeutung der begleitenden Lebensstiltherapie. Zur Behandlung gehörten Ernährungstherapie beziehungsweise -beratung und Bewegung, insbesondere mit Blick auf den Muskelerhalt.
Offen ist laut Meyer, was nach dem Absetzen passiert, unabhängig von der Darreichungsform. Ein relevanter Teil des verlorenen Gewichts könne nach dem Absetzen wieder zurückkommen. Diskutiert werden unter anderem ein langsames Ausschleichen, niedrigere Dosen oder intensivere Lebensstilmaßnahmen. Systematisch untersucht sind diese Strategien bislang jedoch nicht. Da Adipositas eine chronische Erkrankung sei, müsse grundsätzlich auch eine langfristige Therapie in Betracht gezogen werden, sagt Meyer.
Kritik an Online-Verordnungen
Die Behandlung sollte laut Meyers immer unter ärztlicher Aufsicht und Betreuung erfolgen. Vor einer Verordnung müsse unter anderem geprüft werden, ob Begleiterkrankungen oder Ursachen der Gewichtszunahme vorliegen und ob Gegenanzeigen bestehen. Hauner kritisiert Geschäftsmodelle, bei denen Medikamente über Onlineanbieter ohne ärztliche Betreuung bereitgestellt werden und Angaben zu Gewicht und Größe nicht überprüft werden. Meyer ergänzt, dass bei solchen Angeboten zudem die begleitenden Lebensstilmaßnahmen häufig vollständig fehlten.
Hauner schätzt zudem das Risiko für Fälschungen als „sehr hoch“ ein. Fälschungen seien bereits in den vergangenen Jahren aufgetreten. Er rät deshalb dazu, die Medikamente nur nach ärztlicher Verordnung zu beziehen und bei Angeboten im Internet skeptisch zu sein.
Kosten
Da Abnehmmittel in Deutschland als sogenannte Lifestyle-Arzneimittel gelten, müssen Patient*innen in Deutschland die Kosten (bisher einigen hundert Euro pro Monat) selbst tragen. Es gibt allerdings Diskussionen darüber, ob die Behandlung für bestimmte Personengruppen mit Adipositas künftig zur Kassenleistung werden sollte.
Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Pressemeldung vom 13.08.2026





