Von den weltpolitischen Unruhen und dem Vorlauf zum Weltfußballereignis überlagert, haben die Vereinten Nationen den Bericht einer Expert*innenkommission veröffentlicht, der auf kompakten 44 Seiten Indikatoren zusammenstellt, anhand derer politisches Handeln am Ziel menschlichen Wohlbefinden beurteilt werden kann.
(umk) Die letzten Wochen waren in Deutschland geprägt durch Debatten um die von der Regierung geplanten Sozialreformen. Immer wieder kommt in solchen Zeiten dann – aus allen politischen Lagern – auch die Versicherung, Ziel der Politik sei, unseren Wohlstand zu sichern und zu diesem Zwecke müsse „die Wirtschaft wachsen“. Selten wird dabei klargestellt, wie denn dieser „Wohlstand“ definiert und gemessen wird. Gablers Wirtschaftslexikon definiert den Begriff so [1]: „Wohlstand ist ein bestimmtes Maß an Wohlhabenheit (materieller Wohlstand, auch Lebensstandard) und Wohlbefinden (immaterieller Wohlstand). Man lebt im Wohlstand, wenn man in wirtschaftlicher Hinsicht zumindest abgesichert oder sogar überdurchschnittlich ausgestattet ist und eine gewisse Macht über die Umstände hat.“ Neben materiellen Aspekten spielt für Wohlstand also „Wohlbefinden“ eine wichtige Rolle. Häufig wird als ein Indikator für den Wohlstand eines Landes jedoch nur Bruttoinlandsprodukt (BIP) herangezogen. In diesem Zusammenhang ist eine aktuelle Publikation der Vereinten Nationen (UN) interessant:
Ende Mai 2026 veröffentlichten die UN den Bericht einer unabhängigen Expert*innengruppe, die sich Gedanken über Kennzahlen machte, mit der bislang der wirtschaftliche Erfolg von Ländern bewertet wird: Counting what counts: A compass of progress for people and planet. In diesem Bericht erscheint 135-mal der Begriff [human] well-beeing = Wohlstand. Der Begriff Ernährung/Nutrition selbst kein einziges Mal und das Wort Nahrung/Food nur ein einziges Mal. Dennoch lohnt der Blick in diesen Bericht auch für Ernährungsfachkräfte. Warum, soll nachstehend kurz dargestellt werden.
Hintergrund
Im Mai 2025 beauftragte der Generalsekretär der Vereinten Nationen – auf Ersuchen der Mitgliedsstaaten im Rahmen des „Pakts für die Zukunft“ [3] – eine unabhängige Expert*innengruppe damit, „Empfehlungen für eine begrenzte Auswahl eigenverantwortlich gewählter und universell anwendbarer Indikatoren für nachhaltige Entwicklung zu erarbeiten, die das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ergänzen und über dieses hinausgehen“. Dieser Auftrag passt also in die bereits 2015 verabschiedeten Nachhaltigen Entwicklungsziele der UN (Sustainable Development Goals, SDG) [5].
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gibt als volkswirtschaftliche Kennzahl den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen eines Landes an, die innerhalb eines Zeitraums erwirtschaftet wurden. Erfasst werden jedoch nur bezahlte Waren und Leistungen – unbezahlte Care-Arbeit in der Familie, Ehrenamt usw. werden nicht abgebildet.
Ein reiner Vergleich zwischen Ländern ist aber oft nicht sinnvoll (z. B. USA 29298 Mrd. US $, Deutschland 4684 MRD US $ in 2025), aussagekräftiger für viele Fragen ist das BIP pro Einwohner*in, besser noch korrigiert um die Kaufkraftunterschiede der jeweiligen Länder (USA: 86145 US $, Deutschland: 71797 US $) [4].
Aktueller Bezug
Während die derzeitige Politik oft den Eindruck zu erwecken versucht, das Thema Nachhaltigkeit müsse zugunsten des vorrangigen Zieles „Wirtschaftswachstum“ einstweilen verschoben werden, stellt der Expert*innenbericht den klaren Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Wohlstand – well beeing – heraus:
„Wir betonen die Bedeutung eines gesunden Planeten und einer intakten Umwelt aus einer doppelten Perspektive, die den Eigenwert von Planet und Umwelt und zugleich die Rolle der Umwelt als entscheidenden Faktor für das menschliche Wohlergehen anerkennt. Diese Anerkennung des Eigenwerts der Umwelt stärkt die Argumente für den Schutz des Planeten, selbst wenn daraus keine unmittelbaren wirtschaftlichen Vorteile ersichtlich sind. Zugleich setzt die Umwelt die Grenzen, innerhalb derer sich die Menschheit entfalten kann – etwa durch Klimastabilität, biologische Vielfalt, fruchtbare Böden und sauberes Wasser. […] Saubere Luft und sauberes Wasser sind essenziell für unsere Gesundheit; fruchtbare Böden und Bestäubung sichern die Ernährungssysteme und Wälder regulieren Hochwasser und stabilisieren das lokale Klima.“ (übersetzt aus [2])
Der 44-seitige Bericht stellt zunächst ein Rahmenkonzept vor, in welchem drei zentrale und miteinander verknüpfte Bedingungen für Wohlstand herausgearbeitet werden: Frieden, Menschenrechte sowie Respekt vor dem Planeten und den planetaren Grenzen. Auf diesem Konzept leiten die Autor*innen dann ein Dashbord von Indikatoren und Messsgrößen zur Bewertung des Status und politischer Maßnahmen ab (♦ Abbildung 1).
Und hier tauchen nun gleich mehrere Aspekte auf, die im Zusammenhang mit Public Health (Nutrition) und für unser Ernährungssystem eine Rolle spielen, z. B.: Lebenserwartung und Geburtsgewicht, Biodiversität, Treibhausgas-Emissionen, Nutzung von Landfläche, fruchtbarem Boden und Wasser. Und so schließt sich der Kreis – auf der Suche nach volkswirtschaftlichen und global sinnvollen Messgrößen für Wohlstand kommen die Expert*innen auch zu Aspekten, mit denen Ernährungsfachkräfte in Forschung und Praxis täglich konfrontiert sind.
Der Bericht mündet in Empfehlungen an Regierungen unter „Einbeziehung von Organisationen der Zivilgesellschaft“ die beschriebenen Wohlstands-Indikatoren bereits bis 2027 zu etablieren und bei den Haushaltsplanungen zu berücksichtigen (!).
Ermutigend in der aktuellen weltpolitischen Lage ist, dass der Bericht Begriffe wie Teilhabe, Gender, Inklusion und Menschenrechte unmittelbar anspricht. Der Bericht Counting what counts: A compass of progress for people and planet benennt damit auf Basis der Arbeit von Expert*innen aus Wirtschaft, Politik, Welthandel und Entwicklung „was wirklich zählt“. Er ermutigt damit hoffentlich viele Menschen in Politik, Institutionen, Medien und nicht zuletzt in der Wissenschaft, den Kompass „Nachhaltigkeit“ nicht aus zeitgeistigem Opportunismus aus dem Blick zu verlieren und liefert Argumente für eine
Versachlichung der Diskussion.
Die Autor*innen des Berichts appellieren: „Während sich die meisten der vorgeschlagenen Empfehlungen an Regierungen richten, ist eine breitere Basis von Akteur*innen für die Interpretation, die Debatte und die praktische Durchführung der hierfür nötigen Schritte nötig – und dafür, politische Entscheidungsträger letztlich in die Pflicht zu nehmen: Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Privatwirtschaft
und Medien spielen für die Meinungsbildung und die Förderung des öffentlichen Verständnisses für methodische Innovationen und deren gesellschaftliche Akzeptanz eine entscheidende Rolle.“ (übersetzt aus [2])
Literatur
- https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/wohlstand-123834 (last accessed on 12 June 2026).
- United Nations: Counting what counts: A compass of progress for people and planet – Report of the Secretary-General‘s independent High-level Expert Group on Beyond GDP. https://unctad.org/publication/counting-what-counts-compass-progress-people-and-planet (last accessed on 11 June 2026).
- www.un.org/pact-for-the-future/en (last accessed on 12 June 2026).
- www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/allgemeines-regionales/USA/Vergleich_USA_DEU.html#wirtschaft
- https://sdgs.un.org/goals (Last accessed on 12 June 2026)





