Alimentum ultimum 10/02 (Das letzte Gericht)
- 09.10.2002
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- Redaktion
Johannes
Elvira war sichtlich enttäuscht. Nicht vom Wahlergebnis. Bei Versprechen ohne Gewähr werde von notwendigen Übeln nun einmal das vermeintlich kleinste für das beste gehalten, bemerkte meine Berliner Cousine dazu lediglich. Nein, die Ernährungs-Umschau hätte sie desillusioniert, genauer die Häufung von Anglizismen. Sei ihr doch wie allen Hausfrauen im letzten Heft ein "Variety-Seeking" unterstellt und zur besseren Information hierfür ein Überfliegen verschiedener "Teaser" angeraten worden. Was, zum Teufel, denn dies wieder sei, fragte sie mich, wo sie gerade erst begriffen habe, was "Talking Food" und "Five a day" bedeute.
Mit einem fröhlichem "Think positive!" habe sie auch noch ein Weißbekittelter im Supermarket angegrinst und ihr eine Rolle Toilettenpapier mit aufgeklebtem "Wanna Some Big Fun" in die Hand gedrückt. Nun erfahre sie auf dem stillen Örtchen mancherlei tiefsinnige Lebensweisheit, beispielsweise "Lächeln ist wie ein Wind, der dunkle Wolken vertreibt". Über eine den Absatz des gutlaunig-philosophischen Klopapiers fördernde Ernährung habe sie allerdings noch nichts gelesen, obwohl doch gleichermaßen wie alle Curry- und Weißwürste auch Ernährungskampagnen zwangsläufig am Ort des Gebrauchs von solchem Papier endeten. "Welch’ ungenutzte Chance!", rief sie aus, und sie denke dabei nicht nur an Verstopfte wie mich.
Blitzartig durchfuhr es mich da, dass es immer noch unerschlossene Wege der Ernährungsaufklärung geben müsse und ich wohl meinen Beruf verfehlt habe. Post Pisam zwar und zu spät für mich, aber rechtzeitig genug für die vollmundig versprochene Bildungs- und Gesundheitspolitik der nächsten vier Jahre. Von der sei bei unserem Innenminister bestenfalls zu erwarten, dass auf das Toilettenpapier der Geheimhaltungsgrad "VLV" aufgedruckt werden müsse, meinte Elviras Ehemann, der Kanzleramtsbeamte Erwin .
Gesundheitsbewusst, wie ich bin, sah ich mich abgeschlafft nach einem Powerdrink um, ohne Koffein und Taurin natürlich, und kaufte mir umgehend den 100 Sauerstoff-Spender in untrendy Mond-gelb. Nun habe ich in Sekundenschnelle mit Sauerstoff angereichertes Leitungswasser und damit alles, wofür mir die Politik Platz zu schaffen versprach : Genuss, Lebensfreude, Power, Fitness, Happiness, Wellness, Correctness, the pure spirit of the age eben, und das für nur 15 Cent pro Liter. Doch mutatis mutandis : Res severa est verum gaudium (ergänzter Seneca; Nach Änderung des zu Ändernden: Die wahre Freude ist eine ernste Sache). EU10/02