Editorial 4/2019: (Online-)Unkraut jäten

Geht es Ihnen auch oft so: Die vor kurzem noch zeitaufwändig bearbeitete und geleerte Mailbox ist schon wieder voll. Unsere Sekretärin benennt dieses Phänomen völlig zutreffend: „E-Mails sind wie Unkraut – es wächst ständig nach“. Während ich dieses Editorial schreibe, kam – und es ist erst Mittag – die dritte E-Mail mit dieser oder einer ähnlich schmeichelhaften Anfrage: „With great pleasure we invite you to contribute your article in our International Journal of …“. Kurz vorher habe ich bereits zwei ehrenwerte Einladungen zu mir bis dato unbekannten, aber sehr wichtig klingenden Kongresses in den USA und China „gejätet“, d. h. ungeöffnet dem Papierkorb zugeführt.

Selbst wenn das Sichten mit gezügelter Neugierde (d. h. ohne weitere Recherche) und mit professioneller Geschwindigkeit erledigt wird, werden nicht selten am Tag 30 Minuten und mehr kostbare Arbeitszeit für das E-Mail-Jäten verbraucht. Würde ich eine exakte Zeitbudgetstudie durchführen, dann würde sich wahrscheinlich zeigen, dass täglich weitere 30 Minuten für studentische E-Mails benötigt werden – mal mit, mal ohne Anrede, häufig mit einem saloppen, aber offenbar freundlich gemeinten „Hallo“ beginnend, nicht selten mit Inhalt, der durch die Autokorrektur bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde. Neben vielen berechtigten Anfragen von studentischer Seite gibt es eben auch diese Art von E-Mails, die ungeöffnet in die Tonne wandern. Es wird hoffentlich nicht mehr allzu lange dauern, bis Künstliche Intelligenz (KI) in unsere PCs Einzug hält und nur wirklich lesenswerte Nachrichten unseren Augen und Gehirnzellen zur weiteren Verarbeitung zuführt.

Im Gegensatz dazu haben wir in dieser Ausgabe einen bunten Strauß interessanter Themen, die teilweise altbekannt sind und schon länger in unserem Garten der Wissenschaft gepflegt werden, die bereits gut gediehen sind, aber durchaus auch neue Triebe erkennen lassen: Eine aktuelle EsKiMo-Auswertung zur Verbreitung und Bedeutung von Familienmahlzeiten (S. M198), ein Einblick in die Stellung von Ernährungsberatung und -therapie im komplexen deutschen Gesundheitssystem (S. M222), ein Überblick über sekundäre Pflanzenstoffe (Teil 1, S. M214) oder was es bedeutet, mit Diabetes mellitus erwachsen zu werden (S. S25).

Darüber hinaus haben wir das eine oder andere ganz junge Pflänzlein im Angebot: Das Autorinnenkollektiv Kriz, Möseneder und Leitner (S. M206) stellt das QWEB-Tool vor, das beim Bewerten von Online-Ernährungsinhalten helfen kann. Eine beispielhafte Recherche zum gehypten Kokosöl (siehe auch unseren „Nachschlag“ auf der letzten Seite) zeigt, dass im Internet ziemlich viel Unkraut zu jäten ist, und dass es fundierte, seriöse Informationen ohne systematische Bewertung vor lauter Unkraut schwer haben, beim Recherchieren ans Licht zu kommen.

Ihr Helmut Heseker



Diesen Artikel finden Sie auch in Ernährungs Umschau 4/2019 auf Seite M185.

Das könnte Sie interessieren
Schmuddelwetter weiter
Ernährung bei fortschreitender und chronischer Nierenkrankheit weiter
Erfolgreiches Pilotprojekt: Career Talk von E bis Oe – Dein Weg ins Berufsleben weiter
100 Jahre Diätetik im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) weiter
15. DGE-Ernährungsbericht mit Trendanalysen und Handlungsempfehlungen für die Ernährungs-... weiter
Ernährung bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen mit cholestatischen Lebererkrankungen weiter