Editorial 2/2025: Wohlstand oder Anstand in Gefahr?

Diese ERNÄHRUNGS UMSCHAU erscheint mitten im Endspurt eines unsäglichen Politik-Gepöbels. Trotz einer eigens abgeschlossenen „Vereinbarung zu einem fairen Bundestagswahlkampf“ haben sich viele Parteien – einerlei ob vorgeblich christlich, sozial oder anders fehldeklariert – seit Wochen auf die Schwachen in dieser Gesellschaft eingeschossen: Bürgergeldbezieher*innen, Schutzsuchende und andere Gruppen wurden mal wieder als Gefahr für „unseren Wohlstand“ ausgemacht.

Die tickende Uhr des Klimawandels (die wahre Gefahr für Wohlstand) wurde wahlweise komplett negiert, relativiert oder vermeintlich wichtigeren Handlungsfeldern untergeordnet. TikTok statt Kompetenz, Talkshow statt echtem Diskurs. In diesem Überbietungswettbewerb des „früher Unsagbaren“, der Halbwahrheiten und Wahrheitsbeugungen (neudeutsch: Narrative) wurde zunehmend unklar, welche Akteure nur sich anbiedernde Getriebene eines vermeintlichen Bevölkerungswillens oder selbst aufstachelnde Biedermenschen sind. Für mich zumindest ist „Wohlstand“ nicht durch den Kontostand und die Zahl der Urlaubsreisen definiert, sondern vor allem durch sozialen Frieden, Fairness im Miteinander und möglichst gleiche Chancen zur Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen und Errungenschaften wie Gemeinschaft, Kultur und Bildung.
Dabei sieht es nicht um „unseren Wohlstand“ schlecht aus, sondern um unsere Verteilungsgerechtigkeit: Das private Geldvermögen in Deutschland beträgt mit über 9,3 Billionen Euro fast das 20-Fache des Bundeshaushalts. Allerdings ist dieses Vermögen laut dem Global Wealth Report der Boston Consulting Group „überdurchschnittlich ungleich“ verteilt. Nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung besitzen die wohlhabendsten 10 % der Haushalte zusammen etwa 60 % des Gesamtvermögens. Die unteren 20 % besitzen gar kein Vermögen. Etwa 9 % aller Haushalte haben negative Vermögen, sie sind verschuldet. Hingegen haben Reiche in Deutschland ihre Finanzvermögen im vergangenen Jahr mit Abstand am meisten steigern können. Und wohin es führt, wenn Menschen viel Vermögen, dafür wenig Skrupel haben, und die Gesellschaft diese gewähren lässt oder sogar willfährig applaudiert, bekommen wir täglich vorgeführt.
Wie so oft, lassen sich Ernährungsthemen nicht von gesellschaftlichen Prozessen losgelöst betrachten. In einem Land, wo einerseits steigende Butterpreise immer noch Schlagzeilen wert sind, andererseits – weil gerade Trend – für Schokolade mit Pistazienmatsch 150 Euro/kg bezahlt werden, sind mehr als 2 Mio. Menschen auf die Lebensmittelweitergabe der Tafeln angewiesen. Deren ehrenamtliches Engagement, Herausforderungen und Perspektiven stehen im Zentrum des Themenspecials ab Seite M102 in diesem Heft.
Bleiben Sie anständig und engagiert

Ihr Udo Maid-Kohnert



Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 2/2025 auf Seite M65.

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