Editorial 9/2018: Kommt Zeit, kommt Appetit?
- 12.09.2018
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- Dr. Udo Maid-Kohnert
Wie sieht es bei Ihnen aus? Können Sie frühmorgens zum ersten Frühstück schon genussvoll zulangen, egal wie früh der Wecker Sie aus dem Nachtschlaf riss? Oder wird die erste Tagesmahlzeit – weil „kein Frühstück ist ja ungesund!“ – zur pflicherfüllenden Energie- und Flüssigkeitsaufnahme? Fällt das Frühstück gar aus und wird im Laufe des Vormittags durch Snacking ersetzt; vielleicht erst – der Hunger bestimmt jetzt langsam das Denken und Handeln – als hastiges und umso reichlicheres Mittagessen?
Menschen sind keine Maschinen. Ob ich mein Auto morgens oder abends betanke, ist vielleicht nicht preislich, aber technisch egal. Hauptsache der Tank wird während der Fahrt nicht leer. Bei physiologischen Vorgängen rücken jedoch zunehmend auch zeitliche Muster ins Augenmerk der Forschung: Seien es zirkadiane Rhythmen der Blutglukoseregulation, Einflüsse auf die Lebensmittelauswahl und die Hunger-Sättigungs-Regulation bei Schichtarbeitern oder die in unserem Special ab Seite M504 vorgestellten Chronotypen von Kindern und Jugendlichen. Letztlich spielen auch bei der derzeit intensiv beforschten Epigenetik das Wann und das Wie-Lange von Umwelteinflüssen, also zeitliche Aspekte, eine entscheidende Rolle.
Während man bei Kindern und Jugendlichen durchaus darauf bauen kann, dass auch die schlimmste Nachteule im Verlauf des Tages ausreichend Appetit entwickelt, um wenigstens ein „Spätstück“ zu verzehren, reicht es bei ernsthaften Erkrankungen nicht aus, darauf zu warten, dass „der Appetit wieder kommt“. Liegt erst eine Mangelernährung vor, wird diese zum eigenständigen Risikofaktor und beeinflusst die Therapiemöglichkeiten und letztlich die Heilungsprognose negativ. Dies ist seit Jahren klar dokumentiert. Umso beschämender ist es, dass die reale Versorgungssituation in Krankenhäusern diesem Aspekt noch unzureichend Rechnung trägt, ja sogar teilweise kein Problembewusstsein oder Interesse an Lösungen zu bestehen scheint, wie der Beitrag von Oliver Marschal ab Seite M514 zeigt. Der Autor konstatiert ein „erschreckendes Bild“. Neben fehlendem Problembewusstsein zeigt das Thema Mangelernährung aber auch eine Schnittstellenproblematik: Schnittstellen zwischen den medizinischen und Ernährungsfachkräften, zwischen der stationären und der ambulanten Versorgung – nicht nur onkologischer Patienten. Es fehlt die Instanz, die das Patientenwohl über all diese Experten-Stationen mit Nachdruckbegleitet.
Die Beispielezeigen: Ernährungsfachkräfte bewegen sich in ganz unterschiedlichen Spannungsfeldern. Hoffentlich habe ich Ihnen Appetit zum Lesen dieser Ausgabe gemacht – jetzt müssen Sie sich nur noch die Zeit nehmen.
Ihr Dr. Udo Maid-Kohnert
Diesen Artikel finden Sie auch in Ernährungs Umschau 9/2018 auf Seite M473.
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