Nachlese: Ich bin verwirrt: zwischen Cultural Appreciation und Cultural Appropriation
- 14.09.2022
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- Helmut Heseker
Erst war es nur eine elitäre, akademische Diskussion darüber, wo kulturelle Wertschätzung (cultural appreciation) endet und wo kulturelle Aneignung (cultural appropriation) beginnt. Inzwischen ist die Debatte auf der Straße und auf unseren Tellern angekommen. Es geht längst nicht mehr nur darum, dass ein Native-American-Kostüm im Karneval und eine Buddhafigur im Wellnesstempel als respektlos, Bezeichnungen wie N…küsse und Z…schnitzel als diskriminierend gelten sowie Afro oder Dreadlocks bei hellhäutigen EuropäerInnen – weil aus ihrem kulturellen oder spirituellen Kontext entrissen – mitunter als kulturelle Aneignung wahrgenommen werden.
Schon manche/r RestaurantbesitzerIn hat einen fulminanten Shitstorm entfacht, wenn er/sie sich erdreistet hat, klassische Gerichte aus der Karibik oder Asien an den westlichen Geschmack anzupassen und dies in unbedarfter Weise als authentisches Originalrezept zu deklarieren; und noch schlimmer: selbst nicht einmal aus dem Ursprungsland des Rezepts stammt. Ähnlich erging es auch schon weitgereisten AutorInnen europäischer Herkunft, die es wagten, ein Kochbuch mit westafrikanischen Gerichten zu publizieren.
Ist die ganze Entwicklung von Ethnofood und Fusionsküchen, ja die gesamte Globalisierung der Esskultur ein Irrweg, weil hier durch die Übernahme fremder Kulturgüter neue Trends und Geschäftsideen respektlos, ohne Kenntnis und Wertschätzung der jeweiligen Kulturen und Lebensweisen kreiert und kapitalisiert werden?
Kritisch gesehen wird auch die neumodische Verwendung des Begriffs „Soul Food“, der in den Zeiten der amerikanischen Sklaverei geprägt wurde und im Prinzip aus dem bestand, was die Reichen nicht essen wollten. „Comfort Food“ ist im Gegensatz weniger kulturell geprägt.
In Berlin soll es bereits Restaurants geben, die „kulturell korrekt“ kochen. Das bedeutet: u. a. keine Kartoffeln, Mais oder Tomaten, weil diese eine unrühmliche koloniale Vergangenheit und Ausbeutungsgeschichte haben.
Darf ich jetzt als Nichtitaliener, um nicht als amoralisch zu gelten, nicht mehr zu selbst gemachter Pizza einladen? Muss ich ein selbst zubereitetes Nasi oder Bami Goreng nur noch im engsten Kreis mit heruntergelassenem Rollladen verspeisen? Um esskulturell korrekt zu sein: Muss ich den Pizzabäcker nach seiner italienischen und den Dönerbudenbesitzer nach seiner türkischen Herkunft fragen, um auszuschließen, dass es sich nicht um anmaßende Trittbrettfahrer handelt?
Sollten Sie trotz dieser sensibilisierenden Diskussion noch auf die Idee kommen, ein Restaurant zu eröffnen: Gehen Sie bitte mit den angebotenen Gerichten aus anderen Kulturen achtsam und respektvoll um.
Ihr Helmut Heseker
Den Nachschlag finden Sie wie auch die Vorschau auf die nächste Ausgabe in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 9/2022 auf Seite M520.
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