Landwirtschaft und Klimaschutz: Kontroverse um Klimawirksamkeit des Biolandbaus

  • 13.02.2019
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  • Redaktion
  • Dr. Udo Maid-Kohnert

Welche Form der Landwirtschaft kann die Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten ernähren? Und welchen Einfluss auf den Klimawandel hat diese Landwirtschaft?

In einer in Nature erschienen Arbeit [1] stellen Searchinger et al. einen sogenannten carbon benefits index vor, der beschreibt, in welchem Ausmaß die landwirtschaftliche Produktionsform und die Ertragsmenge pro Hektar Land das weltweite Potenzial zur Kohlenstoffspeicherung beeinflusst. Ausdrücklich klammern die Autoren andere Aspekte der Nachhaltigkeit, z. B. Biodiversität (und deren Einfluss auf die Stabilität eines Ökosystems) aus. Verglichen werden in der Arbeit unterschiedliche Formen der Landnutzung inkl. Wiederaufforstung oder die Produktion von Bio-Treibstoff. Ein wichtiger Schluss der Autoren: Bisherige Untersuchungen zur Abschätzung der Klimarelevanz von Landwirtschaft unterschätzen die Fähigkeit nicht landwirtschaftlich genutzter Böden/Flächen zur Kohlenstoffspeicherung.

Aufsehen erregte jedoch nicht dieser Schluss, sondern die angeblich aus dieser Arbeit resultierende Aussage: „Bio ist schlecht für‘s Klima“ (z. B. [2]). Ursache sei u. a. der höhere Flächenbedarf des Ökolandbaus aufgrund geringeren Flächenertrags. Es fällt auf, dass dieser Schluss im Abstract der Originalarbeit [1] mit keinem Wort erwähnt wird. Ungewöhnlich, wenn dies doch eine wichtige Erkenntnis der Studie sein soll.

Die Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen IFOAM – Organics International e. V. hat hierzu Stellung bezogen [3]: Es falle auf, dass die Originalarbeit gar nicht den Vergleich zwischen konventioneller Landwirtschaft und Öko-Landbau fokussiere, die Schlagzeilen beruhen vielmehr auf einer Meldung, die einer der beteiligten Autoren unter Bezug auf die Arbeit auf der Website der schwedischen Chalmers University publiziert hat. Dort spitzt er zu: „Organic food is so much worse for the climate“.

Kommentar der Redaktion

(umk) Als Grundlage für politische Entscheidungen, aber auch für Kaufentscheidungen der Kunden ist es wichtig, die Zusammenhänge rund um unsere Lebensmittelproduktion zu verstehen und zu bewerten. Handhabbare Indizes sind hierfür wichtige Ansätze. Arbeitsgruppen, die sich mit Ökobilanzierungen befassen, wissen, wie schwer es ist, alle relevanten Aspekte angemessen zu berücksichtigen, und in welcher Weise das Ausklammern von Parametern (Wasserverbrauch, Transport, Produktion von Dünger usw.) die Ergebnisse von Untersuchungen beeinflusst. Dass ein Wissenschaftler daher einen Teilaspekt seiner Arbeit selbst aus dem Zusammenhang reißt bzw. überbetont, macht nachdenklich. Aufmerksamkeit um jeden Preis?

-> Mehr zur Komplexität der Ökobilanzierung in der ERNÄHRUNGS UMSCHAU:

Literatur:

  1. Searchinger TD et al. (2018) Assessing the efficiency of changes in land use for mitigating climate change. Nature 564: 249–2532. 
  2. URL: www.spektrum.de/news/ist-biolandbau-schlecht-fuers-klima/1614006  Zugriff 03.01.193. 
  3. URL: www.ifoam.bio/en/news/2018/12/19/statement-study-assessing-efficiency-changes-land-use-mitigating-climate-change  Zugriff 06.01.194.
  4. URL: www.chalmers.se/en/departments/see/news/Pages/Organic-food-worse-for-the-climate.aspx  Zugriff 06.01.19


Diesen Artikel finden Sie auch in Ernährungs Umschau 2/2019 auf Seite M68 bis M69.

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